Rückkehr aus den USA: „Deutschland ist eine attraktive Alternative“
Herr Professor van Kan, im April 2026 treten Sie eine W3-Professur für Theoretische Geophysik an der Universität Münster an. Was bedeutet Ihnen dieser Karriereschritt?
Der Ruf an die Universität Münster ist für mich ein bedeutender Meilenstein. Er ist eine Auszeichnung für meine wissenschaftliche Arbeit und bietet mir die Chance, meine Forschungsrichtung in der geophysikalischen Strömungsdynamik langfristig zu verfolgen. Ich kann mein eigenes Team aufbauen und kollaborative Projekte verfolgen, ohne mich um den Erhalt meiner Stelle sorgen zu müssen. Die Universität Münster und ihr Institut für Geophysik bieten ein herausragendes Forschungsumfeld mit guter Infrastruktur und forschungsstarken Kolleginnen und Kollegen. Hinzu kommt, dass Deutschland mit dem DAAD, der DFG und weiteren Organisationen und Institutionen eine gute Förderinfrastruktur hat. Das steht für Stabilität, auch im Vergleich zu den aktuell eher unruhigen Zeiten in den USA.
Was war für Ihren Erfolg entscheidend?
Ein wichtiger Erfolgsfaktor war sicherlich Beharrlichkeit. Ich hatte zuvor rund 50 erfolglose Bewerbungen auf Faculty- und Nachwuchsgruppenleiter-Stellen in Deutschland, Österreich, Frankreich, Großbritannien und den USA eingereicht und zahlreiche Vorstellungsgespräche geführt. Die Freude an meiner wissenschaftlichen Arbeit hat mir diesen langen Atem gegeben. Sicherlich hat auch meine Fähigkeit, Projekte zielgerichtet abschließen zu können, eine Rolle gespielt. Vorteilhaft war auch, dass ich in meiner Laufbahn bereits verschiedene internationale Wissenschaftskulturen kennenlernen konnte.
Erzählen Sie bitte von Ihrem Weg.
Schon während meines Physikstudiums an der Universität Heidelberg war ich für ein Erasmus-Jahr am Londoner Imperial College. Danach habe ich Masterabschlüsse in Physik in Heidelberg und in Angewandter Mathematik an der Universität Cambridge erworben. Anschließend bin ich mit einem Jahresstipendium des DAAD an die Pariser École normale supérieure gegangen, wo ich auch promoviert habe. Dort hatte ich das Glück, mit meinem Doktorvater sehr eng zusammenarbeiten und gleichzeitig frei forschen zu können. So habe ich früh die Gelegenheit gehabt, eigene Forschungsfragen zu entwickeln, welche ich als Postdoc an der Universität Berkeley in Kalifornien weiterverfolgte, bevor ich schließlich als Assistenzprofessor für Mathematik an die Texas A&M University gewechselt bin. Das alles wäre auch nicht ohne glückliche Fügungen möglich gewesen, etwa durch die gute Chemie zwischen mir und meinen Betreuern und den großen wissenschaftlichen Freiraum, den ich während meiner Zeit in Paris und Berkeley jeweils genießen durfte.
Inwieweit waren für Sie Netzwerke wie das German Academic International Network (GAIN) hilfreich?
Die GAIN-Jahrestagungen der letzten Jahre in Bonn, San Francisco und Boston waren für mich entscheidend. Ich habe jedes Mal sehr viel mitgenommen und somit auch von den USA aus im Blick behalten können, wie viel das deutsche Wissenschaftssystem bietet. Der Austausch im Rahmen von GAIN hat mir Mut gemacht, in Deutschland eine gute Stelle bekommen zu können. Ich konnte durch die GAIN-Tagungen mein Verständnis der deutschen Wissenschaftslandschaft und ihrer Fördermöglichkeiten vertiefen und zahlreiche persönliche Kontakte knüpfen. Ich habe mich mit Universitätsleitungen ebenso ausgetauscht wie mit meinen Peers, die in einer ähnlichen Karrierephase wie ich waren.
Sie haben jahrelang erfolgreich in den USA gearbeitet. Warum ist Deutschland überhaupt wieder in Ihr Blickfeld gerückt?
Ich habe großartige Jahre in den USA verbracht, die mich wissenschaftlich und persönlich stark geprägt haben. Die amerikanische Wissenschaft ist nach wie vor sehr ambitioniert und inspiriert einen immer wieder zum Beschreiten neuer Wege. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die politische Lage in den USA einige Unwägbarkeiten mit sich bringt, was die langfristige Perspektive erschwert. Mein Department an der Texas A&M University ist ein wunderbarer Ort für wissenschaftliche Arbeit, doch die Gelegenheit, die sehr reizvolle Professorenstelle in Münster anzutreten, bot mir eine außergewöhnliche Perspektive für meinen weiteren Weg. Wie es mit der Forschungsförderung in den USA weitergeht, ist zurzeit unsicher. Demgegenüber ist Deutschland eine attraktive, stabile Alternative. Ich sehe an der Universität Münster die Chance, nachhaltige Strukturen für meine Arbeit aufzubauen, sodass ich auch Studierende langfristig begleiten kann. Zudem ist die Einbettung des deutschen Wissenschaftssystems in die europäische Forschungslandschaft ein weiterer Vorteil, der viele Möglichkeiten der Vernetzung eröffnet.
Interview: Johannes Göbel (12. Dezember 2025)