Internationalisierung der taiwanischen Hochschulbildung

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Der Leiter des DAAD Informationszentrums Taipeh Dr. Josef Goldberger diskutiert in einem Interview mit der renommierten Erziehungswissenschaftlerin Frau Prof. Angela Hou von der National Chengchi University die Internationalisierung der Hochschulbildung in Taiwan.

Josef Goldberger: Sehr geehrte Frau Prof. Hou, könnten Sie sich vielleicht kurz für unsere Leser vorstellen? Meines Wissens sind Sie in Ihrer ursprünglichen akademischen Ausbildung Amerikanistin. Wie hat Sie Ihr akademischer Werdegang in die Erziehungswissenschaften geführt?

Angela Hou: In der Tat habe ich im Fachbereich Amerikanistik promoviert. Als ich promovierte, gab es in Taiwan nicht viele Hochschulforscher oder verwandte Forschungsbereiche. Eines der zentralen Forschungsfelder der Amerikanistik ist traditionell die Hochschulforschung. Mein damaliger Professor, Dr. Clement Chang, einer der Gründer der Tamkang University, war der Meinung, dass Taiwans Universitätsverwaltung mehr Forschung benötigt, um akademisch international aufschließen zu können. Also schlug er vor, dass ich untersuchen sollte, wie sich die amerikanische Hochschulbildung in seiner prägendsten Phase entwickelte. Ich habe mich letztendlich für die Georgetown University als Fallstudie entschieden. Damals gab es in Taiwan einen Mangel an Wissenschaftlern, die sich mit Hochschulpolitik beschäftigen, aus diesem Grund entschied ich mich für dieses Forschungsgebiet. Die Tamkang University gründete damals das Institute of Higher Education, das aber später wegen zu geringer Studierendenzahlen mit anderen Instituten fusionieren musste. Tatsächlich befassen sich die meisten erziehungswissenschaftlichen Institute in Taiwan nicht mit Hochschulpolitik. In den letzten Jahren trat Taiwan zunehmend in Konkurrenz mit anderen asiatischen Hochschulsystemen. Die taiwanische Regierung möchte mehr in die Talentförderung investieren. Daher haben sich im Laufe der Zeit immer mehr neue Fragestellungen aufgetan, die die Aufmerksamkeit vieler Forscher auf sich gezogen haben. Nach meiner Promotion habe ich mich intensiv mit Qualitätskontrolle, Qualitätsindikatoren, institutionellen Aspekten von Hochschulbildung und Hochschulpolitik beschäftigt. Ich veröffentlichte als Forscherin zahlreiche Forschungsergebnisse am Higher Education Evaluation Center, dessen Leitung ich später auch übernahm. Ich habe das große Glück, meine Forschungserkenntnisse auch praktisch umsetzen zu können. Seit 2003 sind viele Regierungen verschiedener Länder bemüht, aktiv die Qualität ihrer Hochschulsysteme zu verbessern. Dadurch bot sich Taiwans neu eingerichtetem Higher Education Evaluation Center eine sehr gute Gelegenheit, mit verschiedenen Ländern in Dialog zu treten. Allmählich gelingt es Taiwans Hochschulsystem mit anderen asiatischen Ländern Schritt zu halten. In Bezug auf die Internationalisierung, um auf das Thema zurückzukommen, das Sie diskutieren möchten, geht es möglicherweise nicht nur darum, Talente zu fördern oder mehr Studierende und Wissenschaftler nach Taiwan zu locken, sondern auch darum verschiedene Internationalisierungsstrategien zu koordinieren Institutionen und Universitäten miteinander zu verbinden um das Gesamtsystem zu optimieren.

Josef Goldberger: Welche Richtung sollte Ihrer Meinung nach die Internationalisierung der Hochschulbildung in Taiwan einschlagen? Was ist die Hauptmotivation sich weiter zu internationalisieren?

Angela Hou: Für ein kleines Land wie Taiwan ist die Zusammenarbeit mit den Nachbarländern sehr wichtig. Größere Länder sind möglicherweise in der Lage, Entwicklungen in ihrem Land selbst zu initiieren. In Taiwan würde das nicht funktionieren. Für Taiwan ist die Internationalisierung der einzige Weg, um [im internationalen Wettbewerb] zu überleben. Ein weiterer Grund ist die Rekrutierung von Talenten, mit den Talenten kommen auch finanzielle Anreize. Ohne diese finanziellen Mittel lässt sich vieles nicht umsetzen.

Josef Goldberger: Für welche Art von Talenten interessiert sich Taiwan am meisten? Sind es die taiwanischen Talente, die nach ihrer Ausbildung im Ausland nach Taiwan zurückkehren, oder Talente die direkt aus dem Ausland nach Taiwan abgeworben werden? Welche Herkunftsregionen sind besonders bedeutend? Vielleicht chinesischstämmige Staatsbürger anderer Länder?

Angela Hou: Taiwan ist tatsächlich sehr besorgt wegen der Abwanderung von Fachkräften, weil viele Talente nicht zurückkommen, nachdem sie das Land verlassen haben. Wir sind der Meinung, dass Eliteuniversitäten in Taiwan mehr Ressourcen benötigen, um mehr Talente anziehen zu können. Was Taiwan jetzt braucht, sind interdisziplinär arbeitende Talente mit neuen Denkansätzen und internationalen Perspektiven, unabhängig davon, ob es sich um chinesischstämmige oder ausländische Wissenschaftler handelt.

Josef Goldberger: Welche Länder können für Taiwan in Bezug auf ihre Internationalisierung als Vorbilder dienen? Westeuropa, die Vereinigten Staaten, Asien, welche Schwerpunkte sind von besonderer Bedeutung?

Angela Hou: In den 1980er Jahren begann die Regierung, in die Hochschulbildung zu investieren. Neben der Gründung neuer staatlicher Universitäten entstanden auch viele private Universitäten und private Stiftungen. Durch das Investment privater Mittel wurde Taiwans Hochschullandschaft vielfältiger. Ich denke, dadurch sind gute Entwicklungsimpulse entstanden. Bei der Einrichtung von Qualitätssicherungsmechanismen berücksichtigt Taiwan zusätzlich zu den Erfahrungen aus den Vereinigten Staaten, auch politische Vorgaben der EU-Länder, die auf die Etablierung von Qualitätssicherungseinrichtungen bestanden, um in den verschiedenartigen Bildungseinrichtungen die Qualität der Lehre sicherzustellen. Ich denke, dass Taiwan in dieser Hinsicht tatsächlich mit der internationalen Entwicklung Schritt hält. Darüber hinaus ermutigt die Regierung die Universitäten, transdisziplinäre Forschungszentren einzurichten, in der Hoffnung, durch die Zusammenarbeit von universitätsübergreifenden Forschungszentren Innovation anzuregen. Nach und nach wurden mehr Universitätsallianzen etabliert. Beipielsweise ist die Chengchi University Mitglied im „University System of Taiwan“. Unsere Stärke sind die Sozialwissenschaften und wir kooperieren mit der National Central University, der Yang Ming Chiao Tung University und der National Tsing Hua University, alles Hochschulen mit ingenieurwissenschaftlicher Schwerpunktsetzungen. Durch die Konfrontation der verschiedenen fachlichen Schwerpunkte soll Innovation gefördert werden. Für ein so kleines Land wie Taiwan ist Internationalisierung unabdingbar, und nur durch den Internationalisierungsprozess können die weltweit besten Talente angezogen werden. Taiwans Hochschullandschaft entwickelt sich durch beständige Internationalisierung weiter.

Josef Goldberger: Welche Erfolge in der Internationalisierung hat Taiwan bereits erziehlt. Von welchen Erfahrungen aus Taiwan könnten ausländische Hochschulsysteme profitieren?

Angela Hou: Taiwan steht bei der Internationalisierung vor vielen Herausforderungen. Wir haben viele gute Strategien, um mehr internationale Studierende anzuziehen, aber wir können unsere Ziele möglicherweise nicht erreichen. Wir haben Programme für den Studienaustausch und für Auslandspraktika. Wir hoffen, dass taiwanesische Studierende diese Programme neben dem allgemeinen Austausch auch nutzen können, um Auslandspraktika in anderen Ländern zu absolvieren. Eine Besonderheit Taiwans ist meines Erachtens die humanitäre Hilfe. Die Katholische Fu-Jen-Universität zum Beispiel hat viele „Social Service and Learning-Programme“ im Ausland, in der Hoffnung, dass sich die Studierenden aus Taiwan dadurch besser integrieren können. In Zukunft brauchen wir neben Spitzenkräften in der Wissenschaft und der Technologie auch Fachkräfte, die in NGOs arbeiten können, diese Fachkräfte  müssen aufgrund ihrer Erfahrung die Länder oder Regionen identifizieren, die unsere Unterstützung am meisten brauchen. Als ich an der Katholischen Fu-Jen-Universität war, stellte ich fest, dass Studierende unterschiedliche Interessen und Ziele haben sollen, die auf unterschiedliche Weise aktiviert werden können. Internationale Talente sollten auch auf die Bedürfnisse der Welt eingehen. Ansonsten besteht die Gefahr, dass Internationalisierung die globale Ungleichheit verschärft, wie häufig befürchtet wird. Aber wenn wir es schaffen ihre Schwächen zu korrigieren, kann die Internationalisierung eine wunderbare Sache sein und mehr Schönheit und Wert schaffen.

Josef Goldberger: Aus Zeitgründen muss unser Interview leider an dieser Stelle enden. Vielen herzlichen Dank!

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