Dr. habil. Ursula Toyka

Der Titel meiner folgenden Anmerkungen mag zunächst lapidar klingen: sollte es uns heute nicht um größere Ziele gehen als gegenseitiges Verständnis? Sollten nicht angesichts der Probleme, vor der unserer Welt in den Zeiten der Globalisierung steht, alle Anstrengungen dem Erhalt des Friedens und der Gerechtigkeit dienen? Kein Zweifel – und gerade diese humane Verpflichtung für uns alle setzt ein grundlegendes interkulturelles Verständnis voraus. Dies ist auch die eigentliche Motivation hinter dem großartigen Projekt, zu dessen Realisierung wir heute zusammengekommen sind. Dazu gilt es allen sehr zu danken, die dazu beigetragen haben: besonders Ihnen, lieber Herr Professor Lu Jen-her, als großzügigem und weitsichtigen Stifter der wertvollen Familienbibliothek der bekannten deutschen Medizinerin Sabina Kowalewski, die in Bonn als Ärztin und Wissenschaftlerin wirkte. Auf ihr berufliches Lebenswerk einzugehen, sei dem Stifter vorbehalten, so dass ich an dieser Stelle darauf verzichte. Zu danken ist nicht minder der Cheng Kung University als weltoffener, international gesinnter Bildungsinstitution, die keine Mühen und Kosten scheute, um der traditionsreichen Bibliothek der Familie Kowalewski eine sinnvolle und würdevolle neue Heimat zu geben - hier in der alten „Kulturhauptstadt“ Taiwans, wenn ich die traditionsreiche Stadt Tainan einmal so nennen darf. Allen an diesem vorbildlichen interkulturellen Bildungsprojekt Beteiligten ist herzlich zu gratulieren!

Interkulturelles Verständnis wird über Erziehung, Ausbildung und fundierte Kommunikation vermittelt. Es ist ein langer, mühsamer Weg – aber unausweichlich, um einen fruchtbaren Dialog zwischen den Völkern dieser Erde aufzunehmen, Vertrauen wachsen zu lassen und Problemlösungen für erfolgreiche Kooperationen zu finden. Nur wenn wir unsere gegenseitigen kulturellen Bedürfnisse und Entwicklungen kennen und soweit wie möglich berücksichtigen, können belastbare Kompromisse erreicht werden. Dafür bietet sich zwischen dem aus deutscher Sicht „fernen Osten“ mit seinen diversen kulturellen Regionen und dem dort so genannten „Westen“, der Europa, Nord- und Südamerika, Kanada, Afrika, Australien und die pazifische Region einschließt, ein riesiges Spektrum unterschiedlicher Sprachen, vielfach immer noch unterschiedlicher Gebräuche und Denkweisen. Die kulturellen Unterschiede sollten als Bereicherung unserer Welt verstanden und im Zuge der Globalisierung weiter gepflegt werden – weil sie für die Menschen und ihre Lebensqualität bedeutsam sind. Diese Notwendigkeit wird in den letzten Jahrzehnten weltweit diskutiert, sollte aber letztlich von allen anerkannt werden. Die neuen Möglichkeiten der Kommunikation, die rege private und professionelle Mobilität, ein schneller Wissenstransfers und wachsende globale Netzwerke sind dazu entscheidende Faktoren.

Speziell zwischen Taiwan und Deutschland haben Kenntnisse und Begegnungen, Kooperationen und kulturelle Aktivitäten auf den verschiedensten Feldern deutlich zugenommen, seit ich Mitte als Studentin 1975 erstmals auf dem Sung-shan Flughafen ankam – mit 5 Stunden Verspätung nach 24 Stunden Flug mit drei Umstiegen… Ich hatte neben Rechtswissenschaft und europäischer Kunstgeschichte auch die Kunstgeschichten und Sprachen Chinas und Japans studiert, verstand aber trotzdem kein Wort des Taxifahrers, der mich nach langem Suchen endlich bei meiner Gastfamilie in Hsintien absetzte. Es folgten unvergesslich interessante Jahre auf Taiwan, Arbeitserfahrungen im Palastmuseum und wissenschaftliche Forschungen, die mich bestärkten, niemals mit dem Lernen der fernöstlichen Kunst aufzuhören!

Das ist auch so geblieben, aber mit den Jahren – zuletzt während meiner Dienstzeit im Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) – kam die Erkenntnis hinzu, dass Bildungsarbeit zur Erziehung der nachwachsenden Generationen für das interkulturelle Verständnis von zentraler Bedeutung ist. Schulen und Universitäten sollten der jungen Generation Möglichkeiten bieten, die Kulturen der Welt kennenzulernen und sich dafür zu begeistern, denn ohne das wächst nicht die nötige Beharrlichkeit, um sich mit hochentwickelten Kulturen und ihren Sprachen zu befassen. In Deutschland beschränkten sich die Lehrbücher noch bis vor wenigen Jahren in pucto Weltkulturen meist auf knappe Informationen über Ägypter, Griechen, Römer und Inka Lateinamerikas. Die Kulturgeschichten Chinas, Japans, Koreas galten vielen Schulpädagogen als zu komplex und kompliziert – auch wenn man sich einig war über den Wohlgenuss der asiatischen Küche mit Tee und die exotische Schönheit der Kalligraphie! In den letzten Jahren sind Kenntnisse und Interesse an chinesischer Kultur in Deutschland deutlich gewachsen, auch wenn beides sich noch auf eher politische Fragen und Landeskenntnis richtet.  Von großer Bedeutung für die Verbesserung der interkulturellen Bildung ist, dass die internationale Mobilität der Studierenden weiter expandiert, und dafür müssen Regierungen ihrer jeweiligen Bevölkerung so viele Studien- und Forschungsstipendien wie möglich zur Verfügung stellen. Wissenschaftlern müssen zeitliche und finanzielle Möglichkeiten gewährt werden, um ihre fachlichen Kooperationspartner dort auf der Welt zu suchen, wo es der Sache am besten dient und fruchtbringende Kooperationen aufzubauen  auch wenn der Blick speziell aus Ostasien nach Europa manchmal besonders weit zu sein scheint….

In Europa hatte die Aufklärung seit dem 17. Jhd. in intellektuellen Kreisen ein großes Interesse an den orientalischen Kulturen geweckt. Gelehrte wie Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) erachteten die chinesische Geisteswelt sogar in mancher Hinsicht für überlegen, und auch einige weitsichtige Herrscher waren solchen Überlegungen gegenüber aufgeschlossen. Kurfürst August („Der Starke“) von Sachsen (1670-1733) war der erste Herrscher Europas, der die Bibliothek in seinem Dresdner Palast für das Volk öffnete, um es durch das Studium der Literatur zu bilden, und dazu gehörten damals die ersten Bücher über die fremden Kulturen der Welt. August der Starke hatte unter anderem eine Vielzahl kostbarer Bücher aus China kaufen lassen, was hier und da bereits ein Interesse an chinesischer Kunst und Kultur angeregt und vielleicht auch Forschergeist geweckt haben mag. Diese fürstliche Initiative spiegelte meiner Auffassung nach eine revolutionäre Erkenntnis des Bildungsauftrages eines Herrschers für sein Volk – und zugleich eine Aufforderung an andere Regenten zur Nachahmung. Der Motor der China-Aktivitäten war zur damaligen Zeit der französische Herrscher Ludwig der Vierzehnte, der vor allem zahlreiche wissenschaftlich hochgebildete Mönche und politische Missionäre in Delegationen nach China entsandte. In den adligen Häusern Europas verbreitete sich im 18. Jhd. eine Mode der „Chinoiserie“: man ließ elegante Räume und Gebäude im asiatischen Stil errichten und mit chinesisch inspiriertem Dekor schmücken, kopierte Möbel und Porzellan – das auch in großen Mengen original importiert und nicht selten sogar nach individuellem Auftrag in China produziert wurde. Bemerkenswerterweise entwickelte sich zeitgleich am Hofe des Kaisers Qianlong eine Art „Europa-Mode“, allerdings nur im Dekor kleiner (!) Gegenstände wie Schnupftabakflaschen, Dosen, Kännchen und Vasen (mehrere Zeugnisse befinden sich in der Sammlung des Nationalen Palastmuseums – ich habe an derer Stelle darüber geschrieben).

Das Interesse an asiatischen Kulturen wuchs in Europa nicht zuletzt durch die zunehmend erscheinenden Schriften europäischer Verfasser, Reiseberichte und Bilddokumentationen. Im 19. Jhd. brachen vor allem aus England und Frankreich immer mehr Expeditionen in ferne Länder auf, aus denen antike Kunstwerke mitgebracht (bzw. geraubt) und in den neu errichteten Museen präsentiert wurden. Man versuchte, sie zu erforschen und der Öffentlichkeit zu erklären – während zuvor nur die Fürsten die von ihnen nach Lust und Laune gesammelten Exotika aus aller Welt bunt gemischt in diskreten „Kunstkammern“ ihrer Paläste verschlossen hielten. Nun aber war das wärmende Feuer des Wissens entfacht und wurde stark! An den Universitäten entstanden neue wissenschaftliche Fachrichtungen wie die Orientalistik, auch Sinologie und Japanologie. Wirtschaft und Handel begannen sich international zu orientieren, vor allem seitdem 1851 Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha als Gatte der britischen Königin Victoria in London die Reihe der großen Weltausstellungen ins Leben rief, auf denen neben Industriegütern der teilnehmenden Nationen auch Kulturgüter zu sehen waren. Die Weltausstellung in Wien 1873 wurde zum sensationellen Erfolg vor allem für Japan, das nach der Meiji-Restauration von 1868 gen Westen blickte auf der Suche nach Modernisierung und industriellem Aufbau. Auf Einladung des österreichischen Kaiser 1871 entschloss sich Japan zur Teilnahme und erreichte es in einer gewaltigen Anstrengung, repräsentative und transportable Artefakte aus den Sammlungen des Landes in Tokyo zusammenzutragen. Dort fiel, bevor die kostbare Fracht – begleitet von zahlreichen Handwerkern und Künstlern – für die Schiffsreise verpackt wurden, eine nicht minder weitsichtige Entscheidung: die gesammelten Artefakte wurden in Form einer ersten nationalen Kunstausstellung der Öffentlichkeit präsentiert, und zwar in dem fürstlichen Palast, der bis heute das Nationale Kunstmuseum in Tokyo beherbergt. In Wien zog Japans bis dato unbekannte Kunst und Architektur große Aufmerksamkeit des westlichen Publikums auf sich und war der Auftakt zur Epoche einer anhaltenden Japan-Begeisterung in Europa, bekannt als Periode des „Japonismus“. Auf japanischer Seite folgte unmittelbar darauf eine systematische Initiative zum akademischen Austausch mit dem Ziel, Industrie, Universitäten und akademische Ausbildung nach westlichem Vorbild aufzubauen: Japan sandte Gelehrte ins Ausland, um ausländische Gelehrte und wissenschaftliche Experten zum Unterricht vor allem in Rechtswissenschaft, Medizin, Naturwissenschaft, Technik aber auch Musik und Kunst nach Japan zu holen. Schon vor Ende des 19. Jh. wurden Gruppen japanischer Studenten und Künstler zum Studium nach Europa gesandt. Und bald machten sich auch die ersten Künstler, Studenten und Wissenschaftler aus China auf den weiten, teuren Weg. Die meisten von ihnen versuchten, an die etwas näher gelegenen neuen Universitäten und Kunstakademien Japans zu gelangen, die so zur Drehscheibe des akademischen Wissenstransfers aus dem Westen nach China wurden.

Diese primäre kulturelle Ausrichtung nach Japan ergab sich auch für Taiwan, seitdem es 1895 im Friedensvertrag von Shimonoseki von Japan besetzt wurde. Selbst nach Gründung der National Taiwan University als kaiserlich japanische Taihoku Daigaku 1928 in Taipei war es ein besonderes Privileg für Studierende, einige Semester an den Universitäten und Akademien in Japan lernen zu können. Man adaptierte die dort bereits etablierte akademische Lehre in Medizin und Rechtswissenschaft nach dem wissenschaftlichen Vorbild Deutschlands. Auch der Aufbau eines Rechtssystems in China basierte in weiten Teilen auf der deutschen Tradition. Das deutsche Recht war neben den Systematiken des französischen Code Civil eine der wesentlichen Grundlagen der chinesischen Rechtsreform nach dem Ende des Kaiserreiches der Qing und der Gründung der Republik China. Verstärkt nach dem 2. Weltkrieg begaben sich chinesische Wissenschaftler an deutsche Hochschulen, um dort ihre Ausbildung zu vertiefen oder auch eine Promotion abzuschließen. Die juristische Fakultät der National Taiwan University beispielsweise begann in den 1960er Jahren mit einem außerordentlich wichtigen Übersetzungsprojekt. Das Ziel, die 5 Bände des BGB  in die aktuelle chinesische Fachsprache zu übersetzen, wurde mit großem Erfolg und nachhaltiger Anerkennung durch die chinesische Fachwissenschaft erreicht. Nicht zuletzt auf der Basis dieser grundlegenden Übersetzung konnten Rechtswissenschaftler und ihr akademischer Nachwuchs in ganz Ostasien inklusive Japan und Korea sich mit den Grundlagen des deutschen Zivilrechts befassen. Seit den 1960er Jahren jedoch erforderten die rasanten Veränderungen des gesellschaftlichen Alltags auch fortlaufende und inzwischen sehr umfängliche Anpassungen und Änderungen des Zivilrechts in Deutschland. Entsprechend notwendig wurde dann eine aktualisierte Überarbeitung der vorliegenden chinesischen Übersetzung des BGB. Auf Initiative von Prof. Dr. Tai Tong-schong, ehemals Richter am Verfassungsgericht, der mehrere Jahre in Deutschland studiert hatte, fanden sich viele der in Deutschland promovierten Zivilrechtler der Nationalen Taiwan University - fast ein Drittel aller Professoren der juristischen Fakultät – zusammen. 2011 erschien die aktualisierte Neubearbeitung der ersten Übersetzung – ein schönes Beispiel für den bilateralen akademischen Austausch auf dem Gebiet der Rechtswissenschaft, zu dem der Deutsche Akademische Austauschdienst beitragen konnte, indem er zuvor die meisten beteiligten Wissenschaftler aus Taiwan während mit einem Stipendium zur wissenschaftlichen Ausbildung nach Deutschland eingeladen hatte.

Inzwischen gibt es gute Beispiele für die wissenschaftliche Zusammenarbeit auch auf anderen Fachgebieten. Besonders herausheben möchte ich ein Projekt aus der Ingenieurswissenschaft, das in multilateraler Form zwischen Wissenschaftlern von drei Universitäten besonders gute Ergebnisse im Rahmen einer recht komplexen Struktur vorweist. 2001 konnte ich diese bis heute andauernde Kooperation dank des engagierten fachlichen Anstoßes von Prof. Sandor Vajna, Lehrstuhl für Maschinenbauinformatik (LMI) an der Universität Magdeburg und Professor Tsay Der-min von der National Sun Yat-sen University Kaohsiung und Prof. Huang Kuang-yuh von der National Taiwan University – beide von den jeweiligen Departments of Mecanical Engineering – initiieren. Die Kooperation wird in zweijährigen Förderperioden vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) unterstützt. Die gemeinsamen Forschungsprojekte galten u.a. dem Layout, der Simulation und der Optimierung einer Pumpe zum Erzeugen eines (fast) absoluten Vakuums. Dazu werden die Luftmoleküle durch von der Pumpe erzeugten Impulse aus dem Behälter „geschleudert“. Ein anderes Projekt dieses Kooperationsteams erforschte, wie die Drehzahl des Generators in einer Windkraftanlage auch bei unterschiedlichen Windgeschwindigkeiten konstant gehalten werden kann – und zwar nur mit mechanischen Mitteln. Außerdem wurden zwischen den drei Instituten regelmäßig Gastprofessoren ausgetauscht, oft sogar mehr als einmal im Jahr. Nicht nur fachlich konnte man dabei viel voneinander lernen, nicht nur über die Studienumgebung, auch über die landschaftliche Schönheit des Partnerlandes und von den Kollegen aus Taiwan sogar viel über den deutschen Wein! Die Kooperation war und ist dank des kontinuierlichen Einsatzes der genannten Professoren so erfolgreich, dass sie schon 2005 den Abschluss eines Rahmenabkommens zwischen der Deutschen Hochschulrektorenkonferenz (German Rectors‘ Conference) und ihren Partnerorganisationen auf Taiwan (APUC, APUCT, ANUT) positiv beeinflusste. Besonders erfreulich ist, dass sie auch nach dem Ausscheiden der Gründungswissenschaftler in den Ruhestand von der nachfolgenden Generation fortgeführt und weitere Früchte tragen wird!

Wichtig für ein solides Fundament solcher Verbindungen sind die vertrauens- und verständnisbildenden Maßnahmen im wissenschaftlichen Umfeld wie z.B. Informationsreisen oder Symposien, in denen durch persönlichen Begegnungen Denkanstöße aufgenommen und vertieft werden. Sie sind für die Qualität einer Kooperation und ihre Nachhaltigkeit wichtig und können nicht durch virtuelle Konferenzräume ersetzt werden. Ich erinnere mich gut an meinen letzten Besuch an dieser Universität im Jahre 2004, als der Taiwan National Science Council (NSC) und der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) ein ingenieurwissenschaftliches Symposium in Taipei und an der Cheng Kung University in Tainan das "2004 Sino-German Joint Symposium on Advance in Hydroscience, Tainan" unterstützten. Beide Veranstaltungen wurden von DAAD-Alumnus Prof. Dr. Kao Chia Chuen, Leiter des Department of Hydraulic and Ocean Engineering an Ihrer Universität, konzipiert und koordiniert. Unsere Delegation besuchte hier sein Institut und das Institut für Architektur, das damals von Prof. Sun Ch’uan-wen geleitet wurde. Er führte uns auch durch das alte Wohnhaus von Cheng Cheng-kung, das unter seiner fachlichen Leitung restauriert worden war. Ein großer Fortschritt war offensichtlich  gegenüber dem Zustand, in dem ich das Gebäude 1976 besucht hatte.

Prof. Sun war damals ehrenamtlich Präsident des Verbandes der DAAD-Alumni auf Taiwan und hatte mit unserer Unterstützung ein großes Treffen mit über 100 ehemaligen DAAD-Stipendiaten in Taipei organisiert. Es war nicht nur eine wissenschaftlich interessante Veranstaltung zur Umwelt- und Klimaforschung, sondern auch ein eindrucksvolles Erlebnis, viele an deutschen Universitäten ausgebildete ehemaligen Stipendiaten aus Taiwan kennenzulernen, die zudem nicht nur sehr gut das alltägliche Deutsch, sondern auch die schwierige deutsche Wissenschaftssprache sprechen!

Nach Prof. Sun wurde unser heutiger Stifter, Dr. Lu Jen-her, Präsident der „Freunde des DAAD auf Taiwan“, mit denen er zwei besondere Symposien mit Wissenschaftlern aus Ostasien und Deutschland durchführte. Er setzte sich engagiert für den akademischen Austausch ein, nachdem er selbst in den 1970er Jahren als DAAD-Stipendiat bei Frau Prof. Dr. Sabina Kowalewski promovierte, deren Bibliothek heute dank seiner Initiative hier auf Taiwan einen würdigen Platz in diesem schönen Lesesaal findet – als greifbares Resultat des interkulturellen Austausches, der im besten Falle wechselseitig und auch generationsübergreifend sein sollte. Ein solcher Fall findet sich in der Geschichte des ehemaligen Studenten Lu Jen-her, der  vor rund vier Jahrzehnten seine ganze Kraft auf das Studium in Deutschland setzte bis hin zur Übersiedlung der wertvollen Familienbibliothek der verehrten deutschen Doktormutter in seine fernöstliche Heimat. Viele wichtige Werke der deutschen Geistesgeschichte seit dem frühen 19. Jh. sind nun m Dienste des globalen Wissenstransfers dort an einer führenden Universität dieses Landes der akademischen Öffentlichkeit aller Generationen zugänglich, um Missverständnisse  und Vorurteile abzubauen  und damit einen Beitrag zur Völkerverständigung zu leisten.

Aus diesem weltoffenen Geiste wurde auch 1925 der DAAD gegründet, der mit Taiwan eine enge wechselseitige Beziehung pflegt. Das erste DAAD-Stipendium für Taiwan wurde viel früher als an das chinesische Festlandland  bereits 1931 vergeben, gefolgt 1932 vom ersten Stipendium für Japan. Die Vorgängerinstitution (NSC) des heutigen Ministry of Science and Technology eröffnete in den 1990er Jahren ein Büro in Bonn und der DAAD im Jahr 2000 ein Informationszentrum in Taipei. Seit 2007 verläuft die bilaterale Kooperation recht ausgewogen: der DAAD lädt jährlich rund 150 Taiwaner nach Deutschland und rund 200 Deutsche zum Studium nach Taiwan ein. Die Zahl der insgesamt an deutschen Universitäten studierenden Taiwaner ist auf derzeit jährlich rund 1.800 angestiegen, korrespondierend mit der starken Zunahme deutsch-taiwanischer Hochschulkooperationen auf 220 im Jahr 2016 (von nur 45 im Jahr 2009). Während die  Zahl der Deutsch-Lernenden an hiesigen High Schools ebenfalls steigt, sinkt die der Deutsch-Studierenden an Universitäten, die aber nun im Sabina Kowalewski-Lesesaal ebenso wie die hiesigen Wissenschaftler der Germanistik einen neuen Zugang zu Informationen und Forschungsmaterial gewinnen, der sonst nur mit großem Aufwand möglich wäre. Möge das im Sinne der interkulturellen Verständigung  rege genutzt werden und vielleicht auch manch einen Studien- oder Forschungsaufenthalt in Deutschland selbst anstoßen!

Den in Deutschland ausgebildeten Alumni auf Taiwan und in aller Welt gebührt für derartige Bemühungen um die Völkerverständigung besonderer Dank! In den großen Netzwerken des DAAD, der Alexander von Humboldt-Stiftung und anderer deutscher Förderorganisationen haben sich bereits mehrere Hunderttausende von Alumni verbunden, die wissenschaftlich kooperieren und Symposien untereinander und mit deutschen Kollegen veranstalten. 2012 griff schließlich der DAAD in Seoul den Wunsch von Deutschland-Alumni aus Taiwan, der VR China, Japan und Korea auf, gemeinsame  „Ostasiatische Fachnetzwerke“ ins Leben zu rufen. In Taiwan fand unter Alumni-Präsident Lu Jen-her daraufhin 2013 ein erstes Symposium des „Ostasiatischen Fachnetzwerks Rechtswissenschaft“ unter fachlicher Leitung von Prof. Dr. Wang Hai-nan  (ebenfalls DAAD-Alumnus) von der Chengchi-Universität statt, an dem der Präsident des Bundesgerichtshofes, Herr Prof. Dr. Klaus Tolksdorf, und viele namhafte Persönlichkeiten Ihres Landes als Ehrengäste teilnahmen. 2014 führte Alumni-Präsident Lu Jen-her unter seiner eigenen fachlichen Leitung ein erstes Symposium des „Ostasiatischen Fachnetzwerks Medizin /Life Science“ durch. Unter dem amtierenden Alumni-Präsident, Prof. Tseng Tzu-feng, folgte 2016 in Taipei ein Symposium zu Themen der nachhaltigen Stadtplanung. An den Veranstaltungen nahmen jeweils viele Deutschland-Alumni der ostasiatischen Nachbarländer teil, wo weitere Symposien stattfanden.

Für den Erfolg des interkulturellen Austauschs ist von zentraler Bedeutung, auf welchen Faktoren der Begriff „Kultur“ bei den Austauschpartnern jeweils im Wesentlichen beruht. Alexander von Humboldt, der Pionier der deutschen Wissenschaft im 19. Jahrhundert, der sich für seine naturwissenschaftlichen Forschungen nach Nord- und Südamerika aufmachte, sagte: „Kultur entsteht erst aus dem Zusammenwirken von Wissenschaft und Kunst“. Dieser Ausspruch gilt nicht nur für eine einzelne Kulturnation sondern auch international, speziell wenn es um das Verständnis einer Hochkultur wie China geht, die sich aus dem Grundsatz untrennbarer Einheit von Kunst und Wissenschaft entwickelte. Schon Konfuzius erkannte die „Fertigkeit“ (im Sinne von Können bzw. Kunst) in der Ausübung von 1. Riten, 2. Musik, 3. Bogenschießen, 4. Wagenlenken, 5. Schönschrift und 6. Mathematik als wesentlich für die Erziehung eines charakterlich vorbildlichen Menschen an. Man kann sagen, dass Alexander von Humboldt in Bezug auf die akademische Erziehung ein ähnlich umfassendes Konzept verfolgte, das in China allerdings länger und diverser ausgeprägt war. Dort konnte seit der Tang-Zeit nur ein Mann, der Dichtung und Schönschrift in exzellentem Maße beherrschte, die Prüfung zum Staatsbeamten bestehen. In der Sung-Zeit entwickelte Su Shih theoretisch die Kultur der „Literaten“ (shidafu, später wenjen) , wonach die Beherrschung von Dichtkunst, Schönschrift sowie zusätzlich der Malerei einen moralisch vorbildlichen Menschen ausweist. Nichts liegt also näher, als gerade die Kultur Chinas über die Künste verstehen zu lernen. Für einen ausländischen Forscher, der dazu auch die chinesische Sprache studiert, ist das eine faszinierende individuelle Aufgabe. Aber es ist eine ganz andere Herausforderung, Chinas Kunst und Kultur den allgemein interessierten Menschen seines eigenen Kulturkreises, die auch kein Chinesisch sprechen, auf fundierte Weise näherzubringen. Solche verbale Sprachlosigkeit kann die „visuelle Sprache“ der Kunst überwinden helfen.

Oft konnte ich dies im Rahmen der von mir kuratierten Ausstellungen beobachten, sei es asiatischer oder westlicher, alter oder zeitgenössischer Kunst, sei es in Deutschland oder Asien. Immer stimulierte der Anblick der wechselseitig „anderen“ Kunstwerke eine spontane Reflektion der Betrachtenden, rief Fragen hervor und die Suche nach Antworten, regte Denkprozesse an, die ohne solche direkte Konfrontation kaum in Gang gekommen wären. Der starke Reiz von bildhaften Informationen auf die intuitive Rezeption des menschlichen Verstandes ist heute eine längst bekannte Tatsache. Bilder mit ästhetischer Ausstrahlung aber wirken meiner Erfahrung nach noch nachhaltiger, und diese Möglichkeit sollte gerade interkulturell noch stärker genutzt werden. Beim künstlerischen Austausch zwischen unterschiedlichen Kulturen besteht zudem die Notwendigkeit zur didaktischen Aufbereitung. Im Falle alter chinesischer Kunst habe ich immer auf Seiten der deutschen Betrachter einen großen Bedarf an historischen Hintergrundinformationen erlebt im Bemühen zum besseren Verständnis der kulturell „fremden“ Werke, und bei zeitgenössischer Kunst großes Interesse an Informationen über das Leben und Schaffen der Künstler selbst. Beides muss bei der interkulturellen Vermittlung für das Publikum sorgfältig und ausreichend angeboten werden. Bei den bisher leider seltenen in Deutschland gezeigten, meist kleineren Ausstellungen mit zeitgenössischer Kunst aus Taiwan ließ dies meist zu wünschen übrig.  Ich selbst war bei meinen Ausstellungen mit fernöstlicher Kunst in Deutschland oder deutscher Kunst im Fernen Osten stets bemüht, so weit möglich die Künstler vor dem ausländischen Publikum selbst zu Wort kommen zu lassen und dabei ihre Ausführungen zu übersetzen. Eine solche persönliche Begegnung ist zwar aufwändig aber wirkungsvoll und erzeugt bei allen Ausstellungen wechselseitig den tiefsten Eindruck.

Auf Taiwan und Deutschland bezogen möchte ich je ein Projekt als Beispiel für alte und zeitgenössische Kunst herausgreifen, zunächst eine Wanderausstellung, die ich 1999 für die drei deutschen Städte Lübeck, Stuttgart und Dortmund konzipierte und realisierte. Gezeigt wurden repräsentative Gemälde sowie erstmals auch Skulpturen von 12 namhaften chinesischen Künstlern aus Taiwan (Liu Kuo-sung, Yang Ying-feng, Chu Ko, Lee Shi-ch’i, T’u Kuo-wei und Chen Xing-wan) und aus der Volksrepublik China (Wu Guanzhong, Zhou Shaohua, Wang Keping, Qiu Deshu, Zeng Mi, Yu Cheng-chi). Das Begleitprogramm bot dem deutschen Publikum und den chinesischen Künstlern einen lebendigen Gedankenaustausch. Letztere begegneten sich damals zudem untereinander zum ersten Mal und hatten nie gemeinsam ausgestellt. Nie zuvor waren je zeitgenössische chinesische Skulpturen in deutschen Städten gezeigt worden, ja man glaubte in Europa weithin, dass es sie gar nicht gab! Auch die chinesischen Künstler nahmen bei vielen Gesprächen und Ausflügen ins Land ihr weiteres Schaffen inspirierende Erfahrungen mit. So entstand die Idee, auch deutsche Künstler in die VR China und nach Taiwan zu bringen. Das gelang 2007 mit dem Ausstellungsprojekt „…unterwegs – lutu zhong…“, das wir mit 7 deutschen Künstlerinnen als damals erste Wanderausstellung dieser Art zwischen Shandong und Taiwan durchführen konnten. Direkt nach einer Ausstellung in Jinan wurden die Gemälde und Skulpturen im Goethe Institut in Taipei präsentiert, begleitet auch dieses Mal von öffentlichen Gesprächsrunden. Einige Künstlerinnen schufen vor Ort sogar gemeinsame Arbeiten, einige von ihnen haben sich seitdem intensiv mit chinesischer Malerei und Kalligraphie befasst und arbeiten heute gelegentlich mit Tusche oder chinesischem Papier. Andrerseits brachte z.B. Chu Ko, der leider 2011 verstarb, einen sehr breiten, harten Pinsel aus Deutschland mit, den dort die Anstreicher benutzen, und begründete damit eine wichtige Periode seines Schaffens. Künstler wirken auf die eine oder andere Weise oft als Pioniere des interkulturellen Austausches!

Die vielleicht größte Bedeutung im bilateralen Kulturaustausch aber kam wohl den beiden Deutschland-Ausstellungen der kaiserlichen Sammlung im Nationalen Palastmuseum Taipei zu, die ich die Ehre hatte kuratieren zu dürfen. Unter dem Titel „Schätze der Himmelssöhne“ zeigten wir nach 10jähriger Vorbereitung, nachdem endlich das deutsche Parlament ein neues Gesetz verabschiedet hatte, der deutsche Staat eine Schadenshaftung in unbegrenzter Höhe übernahm und die Stiftung Preußischer Kulturbesitz eine Gegenausstellung zugesagt hatten, seitens der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland zwei Ausstellungen mit 400 ausgesuchten originalen Stücken der kaiserlichen Sammlung (viele Replikas hatte ich im Vorfeld und im Auftrag der Vertretung Taiwans im Rahmen einer Vortragsreihe durch deutsche Städte vorgestellt). Die erste der beiden großen Ausstellungen fand 2003 im berühmten „Alten Museum“ von Berlin statt,  die zweite 2004 in der erst 1991 erbauten Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn. Die öffentliche Resonanz war durchweg begeistert. Sogar die diplomatischen Vertreter der Volksrepublik China waren damals zu Tränen gerührt vom Anblick berühmter Ikonen ihrer Kunstgeschichte, die sie nie zuvor im Original hatten bewundern können. Beide Ausstellungen wurden nach der Zahl der Besucher die zweit- bzw. drittbeste Ausstellung jener Jahre in ganz Deutschland. Für uns aber kam der Erfolg erst mit der Nachricht von Direktor Tu Cheng-ch’eng im Dezember 2004, dass alle Exponate ohne Beschädigung wieder ins Nationalen Palastmuseum Taipei zurückgekehrt waren – nach Jahren oft scheinbar hoffnungsloser Verhandlungen in Zeiten sich stark verändernden politischer Landschaften in Ostasien und Europa, nach zweimaligem Scheitern, bevor der dritte Anlauf zur  Unterzeichnung des Ausstellungsvertrags führte.  Sie mögen fragen, was mich außer dem fachlichen Interesse veranlasste, dieses Projekt nie aufzugeben und immer wieder das Interesse beteiligter Institutionen zu gewinnen. Der Grund liegt in einem persönlichen Erlebnis, das sowohl mit dem Gedanken des akademischen Austausches als auch mit dem Konzept der internationalen Alumni-Netzwerke zusammenhängt. Es führt zurück in die Zeit meines eigenen Forschungsaufenthaltes auf Taiwan dank eines Post Doc-Stipendiums des DAAD.

Als ich 1981 von Taiwan nach Deutschland zurückkehrte, verabschiedete ich mich beim damaligen Direktor des Nationalen Palastmuseums, Dr. Chiang Fu-ts’ung (1898-1990). Als Mitarbeiterin in seinem Sekretariat hatte ich über vier Jahre Erfahrungen sammeln und die kaiserliche Kunstsammlung gründlich kennenlernen dürfen. Ich war Herrn Direktor Chiang und den dortigen Kollegen für ihre ausgezeichnete fachliche Belehrung und für sehr fürsorgliche menschliche Betreuung zu großem Dank verpflichtet und brachte dies in aller Form zum Ausdruck. Daraufhin schilderte Direktor Chiang, der sehr gut Deutsch sprach, wie er mit einem Stipendium der Alexander von Humboldt-Stiftung in den 1950er Jahren in Berlin promovierte und diese Jahre sein späteres Leben entscheidend prägten. Er habe immer gehofft, dass eines Tages repräsentative Stücke der kaiserlichen Sammlung in Deutschland zu sehen sein würden, um die chinesische Hochkultur einer breiten deutschen Öffentlichkeit vor Augen zu führen. Er bat mich, im Laufe meines Berufslebens auch an dieser Brücke zum Verständnis der chinesischen Kultur in Deutschland mitzuwirken – und ich nahm diesen „Auftrag“ ernst: Nachdem 1991 in Bonn unsere nationale Kunst- und Ausstellungshalle erbaut worden war, legte ich der Leitung des Hauses mein Konzept für eine solche Ausstellung vor und konnte sie überzeugen. Leider erlebte Direktor Chiang die Ausstellung selbst nicht mehr, aber sein Nachfolger im Amt, Direktor Dr. Ch‘in Hsiao-yi, nahm unsere Anfrage positiv auf. Die weiteren Entwicklungen der Zeit erforderten in Taipei schließlich eine gesetzliche Garantie der Bundesrepublik Deutschland zur Rückgabe der Exponate, was ein endgültiges AUS zu bedeuten schien – bis die deutsche Seite zuletzt doch diese Bedingung erfüllte.  Der neue Direktor, Prof. Dr. Tu Cheng-ch’eng, zögerte dennoch vor neuerlichen Verhandlungen zurück, was sich erst änderte, nachdem die Staatlichen Museen zu Berlin zum Zeichen eines echten gegenseitigen Kulturaustausches eine ähnlich repräsentative deutsche Gegenausstellung auf Taiwan in Aussicht stellten. Diese erste Gesamtschau der Sammlung des preußischen Kunstbesitzes wurde schließlich 2004 im Nationalen Palastmuseum in Taipei präsentiert und bildete darüber hinaus sogar den Auftakt zu weiteren repräsentativen Kunstausstellungen der Berliner Museen in Ostasien, 2005 in Tokyo und 2010 in Peking.

Kunst und Literatur, Bilder und Worte – beides kann zusammenwirken und hat doch auch eigene Wirkungskreise zur Vermittlung kulturellen Wissens. Dabei verstehen wir das so gennannte „Bücherwissen“ als ein „gesichertes“ Wissen gegenüber dem „neuen“ oder auch „ungesicherten  Wissen“ im weltweiten Netz des digitalen Zeitalters.  „Bücherwissen“ ist bestimmten Autoren zuzuordnen,  wird kontextual vermittelt und ist umfassend angelegt. Die Bibliothek der Familie Kowalewski beleuchtet auf solch umfassende Weise die Geschichte der sich in Deutschland im 19. und 20. Jh. entwickelnden bürgerlichen Bildungsgesellschaft – also ein fundamentales Wissen, das nicht verloren gehen darf.

Der Cheng Kung University und vor allem dem heutigen Stifter gilt großer Dank und Anerkennung dafür, dass im Konzert der Nationen die deutsche Kulturgeschichte in diesem Lesesaal ihre Stimme erheben darf. Nur aus der wechselseitigen Kenntnis der Vergangenheit erwächst in der Gegenwart eine fundierte Basis für die Gestaltung unserer prosperierenden Zukunft!