Das Thema der diesjährigen Tagung, die vom DAAD Taipeh gemeinsam mit dem Goethe-Institut  veranstaltet wurde, lautete „Heimat“ mit Bezug auf die deutschsprachigen Länder. Heimat ist ein deutscher Begriff, der sich schwer in andere Sprachen übersetzen lässt. Er bezeichnet ein Gefühl der Zugehörigkeit, welches durch Gemeinschaft, Sprache, Kultur und viele andere Faktoren bestimmt ist.

In den letzten Jahren wurde der Heimatbegriff in Deutschland wieder verstärkt diskutiert. Kritische Beiträge finden sich z.B. in führenden Tageszeitungen (https://www.sueddeutsche.de/thema/Was_ist_Heimat), in Essays (Aydemir & Yaghoobifarah), in Fernsehserien und sogar in Graphic Novels (Nora Krug). Es stellt sich die Frage, ob der Heimatbegriff in unserer globalisierten und digitalen Gegenwart noch angemessen ist. Wie findet heute im Hochschul- und Schulbereich eine Vermittlung des Heimatbegriffes statt? Schließt „Heimat“ Menschen nicht-deutscher Herkunftsländer aus oder ermöglicht er gerade einen neuen Zusammenhalt? Wir hoffen auf Beiträge, die sich mit physischen und seelischen Wurzeln auseinandersetzen, mit Identitäten und Diaspora, mit Migration, Vertreibung, Sicherheit, Zugehörigkeit, Sehnsucht, Heimatlosigkeit, Heimatliteratur / -musik / -film, mit Wort- und Begriffsgeschichte, soziologischen und soziolinguistischen Interpretationen, mit Vermittlung des Heimat-Begriffs, Landeskunde, Übersetzung und mehr.

Veranstaltungsdaten:

  • Sonntag, 12. Dezember 2021
  • Programm von 11.00 bis 17.30 Uhr, Präsenztreffen in Taipei mit gleichzeitiger Möglichkeit zur online-Teilnahme
  • Veranstalter: DAAD Taipeh und Goethe-Institut Taipei
  • Verantwortlich für die Organisation (in alphabetischer Reihenfolge): Stefanie Eschenlohr, Josef Goldberger, Li-Fen Ke, Wolfgang Odendahl, Jonas Teupert
  • Zielgruppe: Deutschlehrende im Hochschul- und Schulbereich in der Region Ostasien/Pazifik

Programm

10:30    Anmeldung

11:00     Begrüßung
(Li-Fen Ke und Josef Goldberger )

11:15    Von der Kritik zur Gemeinschaft: Eure Heimat ist unser Albtraum
(Jonas Teupert, NTU, Taiwan)
Der provokante Essayband „Eure Heimat ist unser Albtraum“ (2019) versammelt diverse Stimmen, die sich kritisch mit Fragen der Zugehörigkeit in Deutschland auseinandersetzen. Dieser Beitrag fragt, welcher Heimat-Begriff dem Band zugrunde liegt und wie die Kritik der Heimat eine neue Form der Gemeinschaft befördern kann.

11:45    Der Heimatbegriff von Deutschen mit Migrationshintergrund – Am Beispiel des Romans Identitti“ von Mithu Sanyal
(Wolfgang Odendahl, NTU, Taiwan)
Der Roman Identitti (2021) von Mithu Sanyal beschäftigt sich mit den großen Themen Blackfacing, Post-Race, Rassismus, Gender, Zugehörigkeit und Identität. Regionale Identität und Zugehörigkeitsgefühl der Ich-Erzählerin sind die Aspekte von „Heimat“, die in diesem Beitrag angesprochen werden.

12:30    Mittagessen
(Auf Einladung des DAAD)

14:00    Heimat: Identitätsstiftender Faktor oder Kulturhegemonie des alten weissen Mannes gegenüber bunter Diversität
(Claudius Petzold, FJU, Taiwan)
Mit der Versubjektivierung der Identität auf eine reine Selbstwahrnehmung – verbunden mit einer rasanten Zunahme der Anzahl von Identitäten, stellt sich die Frage, ob es überhaupt noch der Heimat als (vermeintlich?) objektiver, verbindender Faktor zur Bildung von kollektiven Identitäten als ein Volk, eine Gruppe oder ein Stamm bedarf. Der Beitrag untersucht dabei, inwieweit noch das alte, patriarchalische Konzept „Heimat” für alle Einwohner in einer modernen diversen Gesellschaft gelten kann, wenn sich der Bezugspunkt der Identität von einer Herkunftskultur auf Opferwahrnehmung und Singularidentitäten zu verschieben scheint.

14:30    Die Heimat der Sorben in Deutschland: Von der Abbaggerung der Dörfer bis zur Errichtung eines Bismarckdenkmals
(Fen-fang Tsai, NCU, Taiwan)
Die Sorben sind das kleinste slawische Volk und eine der vier in Deutschland anerkannten nationalen Minderheiten. Obwohl sie seit etwa dem 6. Jahrhundert in der Lausitz ansässig sind, sprechen sie davon, kein Mutterland zu haben. Nach der Teilung der Lausitz als Folge des Wiener Kongresses 1815 wurde die Oberlausitz von Sachsen verwaltet, während die Niederlausitz von Preußen regiert wurde. Diese Zersplitterung der Lausitz verhindert die Entwicklung einer regionalen Identität: „kein vereintes Territorium, kein vereintes Volk“. Daneben bedroht auch der Braunkohletagebau die „nationale Substanz“ durch den Verlust der sorbischen Kultur, Tradition und Sprache.
Dieser Beitrag schildert von der physischen Abbaggerung der Dörfer bis zur Errichtung eines Denkmals für den explizit slawenfeindlichen Otto von Bismarck, wie die Sorben aus historischer, identitärer, kultureller Perspektive und auch im Alltagsleben ihre Heimat konzeptualisieren. 

15:00    Kaffeepause
(Wir öffnen zusätzlich zum Plenum zwei „Breakout Rooms“, in denen man im kleineren Kreise virtuell plaudern kann.)

16:00    Heimat – ein historisch-biographischer Klärungsversuch
(Christoph Thonfeld, Leiter der Wissenschaftlichen Abteilung der Gedenkstätte KZ Dachau, Deutschland)
Der Beitrag soll das Spannungsfeld zwischen der politisierenden, radikal nationalistischen Aneignung von Heimat und deren kulturell und demokratisch unterfüttertem Bestreiten in historisch-biographischer Perspektive ausloten. Ausgehend von Thomas Manns am Beispiel seiner Heimatstadt Lübeck (die auch die des Autors ist) Mitte der 1920er Jahre exemplarisch vollzogenem Wandel vom elitären Nationalismus zur republikanischen Offenheit wird in groben Zwanzigjahresschritten das Spannungsverhältnis zwischen kleinräumigen Sozialbezügen und politischen Zugriffen bzw. national(istisch)en Überhöhungen bis in die Gegenwart skizziert. Seit den frühen 2000er Jahren lädt die Realität der Einwanderungsgesellschaft dieses Kräftefeld nachhaltig neu auf. 

16:30    Das Thema Heimatlosigkeit im bilingualen DaF-Unterricht
(Noemi Hendrich, Goethe-Institut, Korea)
Das Thema „Heimat“ ist ein beliebter Unterrichtsgegenstand, das im DaF-Unterricht gerne mit einer Aufsatzarbeit zu „Was bedeutet Heimat für mich“ oder einer Liedtextanalyse zu Herbert Grönemeyers Lied „Heimat“ (1999) behandelt wird. Der sozio-historisch aufgeladene Begriff „Heimatlosigkeit“ bietet jedoch im sachfachorientierten Fremdsprachunterricht weitere Lernmöglichkeiten, die über die üblichen Sprachlernziele hinausgehen.

17:00    „Mein Taiwan“ – Durchführung und Auswertung eines Videoprojekts taiwanischer Studierender zu ihren Vorstellungen über Heimat
(Jörg Parchwitz, SCU, Taiwan)
Dieser Beitrag stellt ein aktuelles Unterrichtsprojekt vor, in dem 35 taiwanische Studierende das Thema „Heimat“ aus ihrer subjektiven Perspektive darstellen. Sie drücken individuell aus, was für sie Taiwan bedeutet und setzen ihre Vorstellungen anschließend medial in einem kleinen Videoclip um. Der Vortrag schildert die Durchführung des Unterrichtsprojektes mit einigen exemplarischen Arbeiten und gewährt einen ersten Einblick, was unsere Studierenden unter Heimat verstehen.

18:00    Gemeinsames Abendessen
(Auf Einladung des Goethe-Instituts)

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