Professor Minn-Tsong Lin promovierte in Physik an der Universität Halle in Deutschland und arbeitete als Forscher am Max-Planck-Institut für Mikrostrukturphysik in Deutschland. Derzeit ist er stellvertretender Minister des Ministeriums für Wissenschaft und Technologie. Dr. Josef Goldberger, Direktor des DAAD Informationszentrums Taipeh, führte im April ein Gespräch mit diesem einflussreichen Deutschland-Alumnus.

Josef Goldberger: Lieber Herr Professor Lin, vielen Dank für diese Gelegenheit in einem Interview mit Ihnen mehr über Ihre persönlichen Eindrücke und die Situation der wissenschaftlichen Forschung in Taiwan zu erfahren. Zunächst möchte ich Sie bitten, sich und Ihren akademischen Werdegang kurz vorzustellen.

Minn-Tsong Lin: Ich habe zuerst Physik an der National Taiwan University studiert. Nach meinem Abschluss wurde ich Soldat und arbeitete ein Jahr lang, bevor ich ins Ausland ging. Nach einem Masterstudium an der Universität Heidelberg ging ich nach Berlin, um Synchrotronstrahlungsexperimente durchzuführen und promovierte zugleich in Halle. Tatsächlich habe ich meine Forschung für meine Master- und Doktorstudien am Max-Planck-Institut durchgeführt, aber da das Max-Planck-Institut selbst keine Abschlüsse vergibt, war ich zu dieser Zeit an der Universität Halle eingeschrieben, lebte aber hauptsächlich in Berlin. Nach meiner Promotion blieb ich ein weiteres Jahr am MPI, bevor ich nach Taiwan zurückkehrte.

Josef Goldberger: Was war Ihre Motivation, nach Deutschland zu gehen? Warum haben Sie sich am Ende entschieden, wieder nach Taiwan zurückzukehren?

Minn-Tsong Lin: Vereinfacht dargestellt, ist der persönliche Grund für meinen Deutschlandaufenthalt auch in meiner Liebe zur Musik und Philosophie begründet. In Heidelberg besuchte ich für eine Weile sogar einen Philosophiekurs, um die Konzepte der wissenschaftlichen Erkenntnistheorie, Zeit und Raum zu erforschen. Deutschland war von Anfang an eine Wunschdestination.

Weil ich in Taiwan nicht viel Deutsch gelernt hatte, war in meiner Anfangszeit in Deutschland mein Hörverständnis sehr schlecht. Aber ich habe meine Masterstudienzeit als gewöhnlicher Universitätsstudent sehr genossen und das Studienleben ausgekostet, da ich damals noch nicht so viel Zeit im Labor verbringen musste. Kaum aber betrat ich das Labor, verwandelte ich mich in einen Forscher und einen Masterstudenten; Zeitgefühl und Lebensstil haben sich dabei völlig verändert. Darauf aufbauend führte mein Weg weiter zur Promotion und zu meinen PostDoc-Studien; ich führte ein Wissenschaftlerleben.

Warum dann die Rückkehr nach Taiwan? In Deutschland habe ich insgesamt cirka neun Jahre verbracht, was dann auch schon reichte. Obwohl Deutschland für mich zu einer zweiten Heimat geworden ist, dachte ich, dass ich bei einer Rückkehr nach Taiwan mehr leisten kann und auch eine direktere Verbindung zur Gesellschaft aufbauen kann.

Josef Goldberger: Gleich nach Rückkehr nach Taiwan haben Sie begonnen an der National Taiwan University (NTU) zu arbeiten?

Minn-Tsong Lin: Ja,ich habe mich nach meiner Rückkehr direk am Institut für Physik der National Taiwan University beworben und war Assistenzprofessor und außerordentlicher Professor. Auf diese Weise spielte Forschung immer ein sehr wichtige Rolle in meinem Leben.

Josef Goldberger: Und seit letzten Jahr sind Sie nun auch noch stellvertretender Minister des Ministeriums für Wissenschaft und Technologie?

Minn-Tsong Lin: Ich habe diese Position offiziell im Mai letzten Jahres angetreten, bin aber schon seit September 2018 als Direktor der Sektion für Naturwissenschaften, die für die Fachgebiete Physik, Mathematik, Chemie, Geowissenschaften und nachhaltige Entwicklung zuständig ist, für das Ministerium für Wissenschaft und Technologie tätig. Nachdem ich diese Position übernommen hatte, begann ich mich auch mit anderen Wissenschaften neben der Physik auseinanderzusetzen, besonders attraktiv sind für mich auch die Geowissenschaften. Durch die Beschäftigung mit anderen Wissenschaftssparten begann ich die wissenschaftliche Gemeinschaft in Taiwan umfassender zu verstehen.

Josef Goldberger: Aber es muss doch auch eine große Herausforderung sein, wenn man ursprünglich aus der Forschung kommt und plötzlich eine leitende Funktion in der Verwaltung einnimmt.

Minn-Tsong Lin: In der Tat ist das so; die wichtigste Aufgabe ist nicht nur die Forschung für sich, sondern auch die Schaffung eines guten Forschungsumfelds und die Einrichtung entsprechender unterstützender Maßnahmen. Oft fragt man mich: „Was ist das wichtigste Forschungsfeld?“ Ich antworte normalerweise, dass man eher die Frage nach dem richtigen wissenschaftlichen Forschungsumfeld stellen sollte und nicht was das wichtigste wissenschaftliche Forschungsthema ist. Taiwaner sind es gewohnt, unbewusst nach den wichtigsten Forschungsthemen zu fragen, aber ich bin der Meinung, wenn eine Gesellschaft kein gutes Umfeld bereitstellen kann, das die Formulierung der eigenen Ideen ermöglicht, dann handelt es sich lediglich um einen Top-Down-Ansatz, der nicht wirklich umgesetzt werden kann. Daher muss bis zu einem gewissen Grad die gesamte Gesellschaft aktiv an der Diskussion teilnehmen, um bei der Bestimmung der zukünftigen Entwicklungsrichtung Taiwans in Bezug auf Forschungsbedindungen und -themen einen Konsens zu erzielen. Dies erfordert ein Gleichgewicht zwischen Top-Down und Bottom-Up Entscheidungsfindungen. Wenn die gesamte Gesellschaft sich beteiligt, diskutiert und debattiert, wird sich allmählich ein Konsens auch über die einzuschlagende Richtung der gesellschaftlichen Entwicklung bilden.

Josef Goldberger: Welche Auswirkungen hat Ihrer Meinung nach unsere Internationalisierungsarbeit, insbesondere die Internationalisierung der Wissenschaft, auf das Ziel eine Wissensgesellschaft in Taiwan zu etablieren? Wie wird unsere Zusammenarbeit motiviert?

Minn-Tsong Lin: Die taiwanesische Wissenschaftsgemeinschaft ist seit langem auch ein sehr wichtiges Mitglied der internationalen Gemeinschaft. Ich denke, dies liegt einerseits daran dass unsere früheren Promovenden, insbesondere im Bereich der Naturwissenschaften, zu einem sehr hohen Anteil aus den Vereinigten Staaten zurückkamen. Andererseits ist Taiwan aufgrund seiner geografischen Einschränkungen als Insel besonders auf Internationalisierung angewiesen, um als Mitglied der internationale Gemeinschaft offen und transparent mit dem Ausland in Kontakt zu treten und sich auszutauschen und an internationalen Aktivitäten teilzunehmen. Das ist einer unserer sehr wichtigen Grundwerte, und ich denke auch, dass diese Ideale eine Voraussetzug für gute Wissenschaft sind. Als ich 1988 in Deutschland war, gab es nicht so viele internationale Studierende in Deutschland. Wir waren am Anfang eine Minderheit, aber allmählich nahm auch die Zahl ausländischer Studierender in Deutschland zu. Ich erlebte persönlich den Veränderungsprozess in der deutschen Gesellschaft bei der Aufnahme ausländischer Studierender. Taiwan ist jetzt auch mit solchen Veränderungen konfrontiert. Gingen in der Vergangenheit die Taiwaner vornehmlich zu Studienzwecken ins Ausland, so ist heute Taiwan aufgrund der internationalen Herausforderungen sehr offen für ausländische Studierende und GastwissenschaftlerInnen. Aus diesem Grund versucht Taiwan weiterhin den Anteil ausländischer Studierender im Land zu erhöhen. Gute Hochschulausbildung und hervorragene internationale Forschungsteams sollten möglichst viele Ausländer anziehen.

Josef Goldberger: Dies ist auch die Frage, die ich als nächstes ansprechen möchte. Wie beabsichtigen Sie Internationalisierung und die Qualität der internationalen Zusammenarbeit in der Hochschulbildung und Forschung fördern?

Minn-Tsong Lin: Im Ministerium für Wissenschaft und Technologie ist die Abteilung für Wissenschaft, Bildung und Zusammenarbeit für die internationale Kooperation zuständig. Wir stellen auch Forschungsgelder zur Verfügung, um die Internationalisierung zu fördern, den Austausch von GastwissenschaftlerInnen zu finanzieren und sogar internationale kooperative Forschungsprojekte in bilaterale Zusammenarbeit beispielsweise zwischen dem DAAD und dem Ministerium für Wissenschaft und Technologie im Programm des Projektbezogenen Personenaustauschs (PPP). Dies ist ein spezifischerer Ansatz und kann die Sichtbarkeit verbessern. Wir müssen aber nicht nur hinausgehen, sondern es ist auch sehr wichtig, internationale Wissenschaftler nach Taiwan zu holen.Inzwischen haben wir nicht nur auf dem Gebiet der Wissenschaft, sondern auch in den Bereichen Industrie und Innovation als Innovationsbasis die „Taiwan Tech Arena“ eingerichtet. Wir fördern hier die Rückkehr internationaler Unternehmer aus dem Technologiebereich nach Taiwan und deren Beteiligung an Aktivitäten zur Förderung von Innovation und Ausbildung und ermuntern taiwanische Lehrkräfte und Schüler Grundlagenforschung in konkrete Anwendungen einfließen zu lassen.In der „Taiwan Tech Arena“ ermöglichen Netzwerke die Gründung von Start-up-Unternehmen, durch Zurverfügungstellung von Startkapital und einem guten Geschäftsumfeld. In dieser Zusammenarbeit von Industrie und Hochschulforschung geht das Ministerium für Wissenschaft und Technologie, das ursprünglich nur wissenschaftliche Forschung unterstützte, auch eine engere Verbindung zur gesamten Gesellschaft und Industrie ein. Dies hängt eng mit der Internationalisierung zusammen, die für die Entwicklung von Innovation bedeutende Impulse setzt. Insgesamt besteht die große Veränderung in Taiwan in den letzten zwei Jahren darin, dass wir neben der ursprünglichen Konzentration auf die reine wissenschaftliche Forschung auch begonnen haben, deren Expansion in verschiedene Bereiche Bedeutung beizumessen.

Josef Goldberger:  Was glauben Sie können Deutschland beziehungsweise Europa und Taiwan noch von einander lernen.

Minn-Tsong Lin: In ihrer Politik und ihrer Gesellschaft teilen Taiwan, Europa und die Vereinigten Staaten gemeinsame Werte. Wir schätzen alle Freiheit, Demokratie, Toleranz und Offenheit. Auf Basis dieses Konsenses können wir unsere Zusammenarbeit ausbauen. Im Zuge der Institutionalisierung und Systematisierung entstehen auch Einschränkungen. Aus diesem Grund hoffen wir eine noch belastbarere Basis für Zusammenarbeit mit Deutschland und der EU aufbauen zu können. Deutschland ist ein gutes Vorbild. Die deutsche Technologie ist in der taiwanischen Gesellschaft anerkannt und in den Bereichen Mechanik, Chemie und Grundlagenwissenschaften sehr solide. Der Grund dafür ist, dass die deutsche Prozesstechnologie sehr stark ist. Auch in unserer Ausbildung in Deutschland in der Vergangenheit mussten wir unsere eigenen Instrumente entwerfen und verfeinern. Derart wird nicht nur die Grundlagenforschung vertieft, sondern es entsteht auch eine Kultur, die eine langfristige Investitionsmentalität fördert. Ich denke, dies ist eine sehr wichtige Lektion für Taiwan, da die aktuelle Situation in Taiwan sehr „dynamisch“ ist. Branchen, die im Trend stehen, ziehen leicht Investitionen an. Dies ist in der Tat eine gute Sache, aber auf lange Sicht, in der gegenwärtigen globalen Wettbewerbssituation kann diese reaktionsschnelle und flexible Entwicklungsform ohne die Unterstützung langfristiger Grundlagenforschung wahrscheinlich zum Verlust von Grundfertigkeiten führen, da viele Dinge eine langfristige Entwicklung, von zehn oder sogar zwanzig Jahre erfordern, bevor sie eine Anwendung finden können. Bei der erfolgreichen Bekämpfung der Covid-19-Epidemie, stützt sich Taiwan in der Tat auf eine Reihe von Mechanismen und eine Kultur, die über einen langen Zeitraum in der medizinischen und staatlichen Politik etabliert wurden. In der Halbleiterindustrie hat man es mit sehr komplexen Produktionsprozessen zu tun und die erforderliche Grundausbildung und Technologie sind ebenfalls kompliziert. All dies erfordert ein optimales Umfeld. Wenn weitere Innovationen erforderlich sind, ist daher eine stärkere Grundlage erforderlich. Dies ist auch eine Feststellung, die das Ministerium für Wissenschaft und Technologie und die taiwanesische Gesellschaft in den letzten Jahren gemacht haben. Wir müssen möglicherweise wieder zurückgehen und mehr wissenschaftliche Grundlagenforschung betreiben. Taiwan war eine Weile lang der Ansicht, dass wir nicht nur reine Grundlagenforschung betreiben sollten, sondern vor allem ihre Anwendungen und der Frage, ob ein Beitrag zur Industrieentwicklung geleistet wird, Bedeutung beigemessen werden soll. In Deutschland ist der Anteil der Promovenden, die in die Privatwirtschaft eintreten, sehr hoch, und der Anteil der Promovenden in der Gesamtgesellschaft ist ebenfalls vergleichsweise sehr hoch. Auf diese Weise wird der gesamte Bereich der Wirtschaft unterstützt, was von großer Bedeutung ist.

Josef Goldberger:  Was sind Ihrer Meinung nach gegenwärtig die größten Herausforderungen für Ihre eigene Arbeit und die Arbeit des Ministeriums für Wissenschaft und Technologie und welche Veränderungen sind notwendig?

Minn-Tsong Lin: International wird der Wettbewerb in Technologie und Industrie immer härter und hat große Auswirkungen auf Taiwan. Daher halte ich es für äußerst wichtig, kooperative Beziehungen aufzubauen, da durch diese Zusammenarbeit und die gemeinsame Bewältigung von Problemen das Wettbewerbsumfeld in sinnvolle Kooperation umgewandelt werden kann. Darüber hinaus ist der Kampf um Talente auch eine Herausforderung für Taiwan. Einerseits ist Taiwan ursprünglich Einwanderern und der internationalen Gemeinschaft gegenüber nicht offen genug, und wir sehen uns zugleich mit einer ernsthaft sinkenden Geburtenrate konfrontiert. In den letzten Jahren ist Taiwan sicher offener geworden, aber im Vergleich zu Ländern wie den Vereinigten Staaten, Deutschland oder Japan hat Taiwan noch viel Raum für Verbesserungen. Angesichts dieser Herausforderung denke ich, dass Taiwan seine Mentalität und Kultur ändern muss. Wir müssen erkennen, dass Ressourcen geteilt werden müssen. In konservativen Gesellschaften wird oft angenommen, dass Ausländer kommen, um die Ressourcen des eigenen Volkes wegzunehmen. Diese Art des Denkens muss sich ändern. Gute Wissenschaft sollte auf einer gleichberechtigten, offenen und toleranten Gesellschaft aufbauen. Ich denke, dass wir nicht nur die Bedeutung der Technologie im Entwicklungsprozess in Taiwan betonen, sondern auch unser Denken und unsere Werte ändern müssen, um offener und toleranter zu werden. Wir sollten nicht nur immer darauf achten, wie Technologie als Werkzeug eingesetzt werden kann, sondern auch dem Wandel der Gesellschaft soll mehr Bedeutung beimessen werden.