DAAD-Experte für externe Studien und Statistiken: Dr. Jan Kercher.

Zum zweiten Mal hat der DAAD deutsche Hochschulen zu den Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf den Lehrbetrieb befragt. Im Interview fasst Dr. Jan Kercher, DAAD-Experte für externe Studien und Statistiken, die wichtigsten Ergebnisse zusammen.

Herr Kercher, warum hat der DAAD im Wintersemester 2020/2021 erneut eine Corona-Umfrage unter den International Offices und Akademischen Auslandsämtern durchgeführt?
Die erste Umfrage fand im April und Mai 2020 zu Beginn des damaligen Sommersemesters statt, also ganz am Anfang der Corona-Pandemie und der damit verbundenen Auswirkungen auf die Hochschulen. Das heißt, die Eindrücke, die wir damals erhoben haben, waren noch sehr vorläufig. Die Hochschulen hatten gerade erst damit begonnen, auf ein pandemiekonformes Studienmodell umzustellen. Deshalb wollten wir nun – am Ende des Wintersemesters 2020/2021 und damit nach zwei Corona-Semestern – noch einmal herausfinden, wie sich die Lage an den Hochschulen seitdem entwickelt hat und welche Unterschiede es zwischen den beiden Semestern gab. Denn auf das Wintersemester konnten sich die Hochschulen schon sehr viel besser vorbereiten. Außerdem war die Corona-Situation zu Beginn des Semesters noch relativ ruhig, was sich dann allerdings leider sehr schnell wieder änderte.

Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Erkenntnisse dieser zweiten Corona-Umfrage?
Zunächst einmal war ich beeindruckt, wie positiv und optimistisch die deutschen Hochschulen nach wie vor die Lage beurteilen. Die überwiegende Mehrheit, nämlich über 70 Prozent der Hochschulen, ist davon überzeugt, dass es nach dem Ende der pandemiebedingten Reisebeschränkungen sehr schnell zu einer Wiederholung der physischen Studierendenmobilität kommen wird. Zudem gehen viele Hochschulen, etwa ein Drittel, davon aus, dass der Studienstandort Deutschland seit Beginn der Pandemie im internationalen Vergleich an Attraktivität gewonnen hat; nur eine kleine Minderheit von weniger als 10 Prozent erwartet eine Abnahme der Attraktivität. Für uns als DAAD ebenfalls sehr erfreulich: Knapp drei Viertel der Hochschulen vermuten, dass Corona nicht zu einer abnehmenden Bedeutung der Hochschulinternationalisierung führen wird, gut 20 Prozent gehen sogar von einer zunehmenden Bedeutung aus.Fragewortlaut: Haben Sie aufgrund der COVID-19-Pandemie neue, virtuelle Kooperationen mit Hochschulen im Ausland abgeschlossen, z. B. um Ihren Studierenden eine digitale Teilnahme an deren Lehrveranstaltungen zu ermöglichen? Falls ja, mit wie vielen Hochschulen ungefähr?

Das klingt tatsächlich sehr erfreulich, aber sicher gibt es auch schmerzhafte Konsequenzen der Corona-Pandemie für die Hochschulen und deren Internationalisierungsaktivitäten?
Natürlich, das sollte man nicht verschweigen. Die internationale Studierendenmobilität in Deutschland wurde von der Pandemie und den damit verbundenen Reisebeschränkungen auch im Wintersemester wieder stark beeinträchtigt, und zwar in beiden Richtungen. An knapp zwei Dritteln der Hochschulen konnten internationale Studierende trotz erfolgter Zulassung nicht nach Deutschland einreisen, da sie kein Visum erhielten. Hochgerechnet bekamen rund 14.700 internationale Regelstudierende sowie rund 2.300 Gast- und Austauschstudierende allein im Wintersemester kein Visum für ihr Studium in Deutschland. Und: Etwa die Hälfte der Hochschulen geht davon aus, dass jeder zweite für das Wintersemester und das kommende Sommersemester geplante Auslandsaufenthalt verschoben oder abgesagt wurde. Ein gutes Drittel der Hochschulen nimmt an, dass das Interesse der eigenen Studierenden an studienbezogenen Auslandsaufenthalten im Sommersemester 2021 im Vergleich zum Sommersemester 2020 noch einmal gesunken ist. Aber: Für das Wintersemester 2021/2022 gehen derzeit über 40 Prozent der Hochschulen von einem steigenden Interesse an solchen Aufenthalten gegenüber dem letzten Wintersemester aus und nur 15 Prozent von einem weiter sinkenden Interesse.

Welche Befunde haben Sie am meisten überrascht?
Überrascht hat mich zum Beispiel, dass gerade einmal fünf Prozent der deutschen Hochschulen im Wintersemester sämtliche Auslands- und Austauschprogramme eingestellt haben. Im Sommersemester lag dieser Anteil noch bei über 20 Prozent. Über ein Viertel der Hochschulen hat seit Beginn der Pandemie virtuelle Kooperationen mit ausländischen Hochschulen abgeschlossen, um den eigenen Studierenden zumindest eine digitale Form der Auslandsmobilität zu ermöglichen. Das freut uns natürlich sehr und passt auch gut zu den verschiedenen Digitalisierungsprogrammen, die der DAAD mittlerweile in seinem Förderangebot hat. Auch der überraschend hohe Anteil von knapp drei Vierteln der Hochschulen, die angeben, im Wintersemester Onlineprüfungen durchgeführt zu haben, zeigt, wie schnell die Hochschulen hier umgestellt haben. Das belegt sehr eindrücklich das große Engagement der Hochschulen beim Corona-Management.

(6. April 2021)

Weitere Informationen

Die Befragung richtete sich an die Leitungen der International Offices und Akademischen Auslandsämter der 268 HRK-Mitgliedshochschulen. Der DAAD führte sie vom 15. bis 26. Februar 2021 durch. Insgesamt füllten 171 Hochschulen den Fragebogen vollständig aus.