Der Leiter des DAAD Informationszentrums Taipeh Dr. Josef Goldberger unterhält sich mit dem ehemaligen DAAD-Stipendiaten und gegenwärtigen Präsidenten der National Cheng Chi University Prof. Ming-Cheng Kuo über die aktuelle Internationalisierungssituation der taiwanischen Hochschulen.

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Josef Goldberger: Herr Präsident Kuo, ich möchte Sie bitten, kurz Ihren beruflichen Werdegang vorzustellen.

Ming-Cheng Kuo: Ab 1975 studierte ich insgesamt neun Jahre an der National Cheng Chi University Jura, zuerst im Grundstudium und anschließend ein Masterstudium. 1984 erhielt ich ein DAAD Stipendium. Die Auswahl der Stipendiaten organisierte damals übrigens der Chinesisch-Deutsche Kultur- und Wirtschaftsverband (CDKWV), da das DAAD Informationszentrum ja noch nicht existierte. Nach meiner Promotion 1990 in der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) kehrte ich nach Taiwan zurück und begann als Professor zu unterrichten; das mache ich jetzt schon seit dreißig Jahren. 1997 war ich erneut in Deutschland und forschte am Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik. 2018 wurde ich schließlich zum Präsidenten der National Cheng Chi University (NCCU) gewählt.

Mein Forschungsgebiet, das Sozialrecht, war zu dieser Zeit noch weitestgehend Neuland für taiwanische Juristen. Dem DAAD und natürlich meinem Doktorvater Zacher sei besonders gedankt, dass ich die Möglichkeit erhielt im Bereich des Sozialrechts zu forschen und zu einem Sozialrechtsexperten werden konnte. Im Laufe der Jahre habe ich eine Reihe von Artikel, wie die „Verrentung der Arbeitsversicherung“, „Rentenplanung und -grundsätze für Arbeitsversicherungen“, „Planung der Arbeitsrente nach Einführung der nationalen Rente“ etc. verfasst und war auch für die Gestaltung von Taiwans Arbeitsversicherungsrente und die nationale Rentenplanung mitverantwortlich. 2007 verabschiedete Taiwan das nationale Rentengesetz und erließ 2008 das Arbeitsrentengesetz. Seitdem erhalten Arbeitnehmer in Taiwan nicht mehr nur eine Pauschalleistung, sondern kommen auch in den Genuss eines Rentensystems, das dem Deutschlands ähnelt.

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Josef Goldberger: Was ist die Hauptmotivation Taiwans, die Internationalisierung der Hochschulen und der Forschung voranzutreiben? Welche nationalen Strategien nehmen Einfluss auf die Internationalisierung Taiwans?

Ming-Cheng Kuo: Historisch wurde Taiwan von Koxinga, dann von der Qing-Dynastie von den Holländern und von den Japanern kontrolliert. Nach dem Zweiten Weltkrieg war der Einfluss der USA besonders groß. Damals wurde Taiwan durch das „US-foreign-aid-Programm“ unterstützt und amerikanische Truppen waren auf Taiwan stationiert, gleichzeitig stellten taiwanische Studierende mit jährlich etwa 6.000 Studierenden die zweitgrößte Gruppe ausländischer Studierender in den USA. Taiwans Entwicklung ist untrennbar mit dem Einfluss aus anderen Kulturen verbunden. Nach dem Zweiten Weltkrieg fand die internationale Zusammenarbeit und der akademische Austausch Taiwans hauptsächlich mit den USA statt. In den Fachbereichen Rechtswissenschaften und Musikerziehung sind hingegen Deutschland und Österreich traditionell von besonders großer Bedeutung. 45 % der Rechtswissenschaftler an der NCCU haben beispielsweise in Deutschland promoviert.

Aus akademischer Sicht hoffen wir mehr Weltbürger auszubilden. Taiwanesische Studierende sollen auf der ganzen Welt forschen können. Ebenso sollen ausländische Studierende auch in Taiwan ihrer Forschung nachgehen können. Professor Zacher meinte: „Akademische Forschung kennt keine Grenzen.“

Aus wirtschaftlicher und politischer Sicht hoffen wir, dass noch mehr Taiwaner sich für ein Studium im Ausland entscheiden und zugleich mehr ausländische Studierende nach Taiwan kommen. Das hat auf die Entwicklung von Taiwans Wirtschaft, Gesellschaft und Politik einen großen Einfluss und das entspricht auch der nationalen politschen Strategie. Ich selbst kann als Beispiel dienen: Aufgrund meines Auslandsstudiums konnte ich später bei der Entwicklung des taiwanischen Sozialrechts auf die deutsche Erfahrung zurückgreifen.

Wir hoffen auch, dass mehr junge Menschen aus der ganzen Welt zu Studienzwecken nach Taiwan kommen, insbesondere akademisch gut qualifizierte junge Menschen mit Chinesischkenntnissen. Die NCCU ist eine führende Universität für Geistes- und Sozialwissenschaften im chinesischen Sprachraum. Bei einem Studium in Taiwan tauschen sich die internationalen Studierenden nicht nur mit Professoren und Kommilitonen auf dem Campus aus, sondern lernen auch das „Wunder der Gegenwart“ – Taiwan – kennen.

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Josef Goldberger: In welchen Bereichen hat das modern Hochschulsystem Taiwans noch Verbesserungsbedarf?

Ming-Cheng Kuo: Der Großteil der Studierenden nimmt an Austauschprogrammen teil und tritt individuell in akademischen und kulturellen Austausch. Ich hoffe, dass es in Zukunft mehr Möglichkeiten für eine systematischere und institutionenübergreifende Zusammenarbeit geben wird, wie beispielsweise das „Joint Study Program“, das gemeinsam mit Universitäten in Europa, Amerika und Japan eingerichtet wurde.

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Josef Goldberger: Worin liegen Ihrer Meinung nach die Stärken der Hochschulbildung und der wissenschaftlichen Forschung in Taiwan?

Ming-Cheng Kuo: In der Forschung hat Taiwan in verschiedenen Bereichen große Erfolge erzielt, darunter in verschiedenen naturwissenschaftlichen Bereichen (tropische Landwirtschaft, Halbleitertechnologie), Gesundheitswesen und nationale Krankenversicherung... Darüber hinaus spielte Taiwan in der Vergangenheit in Wissenschaft und Industrie die Rolle eines passiven Empfängers, heutzutage haben wir auch eigene Leistungen in Wissenschaft und Industrie vorzuweisen. Hätte vor zehn Jahren jemand behauptet, dass Taiwan in der Halbleiterindustrie höchste Qualität produziert, wäre das lachhaft gewesen. Heute wäre es ein Witz, wenn man das Gegenteil behaupten würde. Taiwan ist besonders bekannt für sein Gesundheitswesen und seine Seuchenprävention. In Bezug auf die Geistes- und Sozialwissenschaften, die für meine Hochschule besonders wichtig sind, ist Taiwan nach einer Skala des American Freedom House ein Land mit einer Bewertung von 93 Punkten in Bezug auf Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Taiwan übertrifft damit die Vereinigten Staaten sowie mit noch größerem Vorsprung Hongkong, Singapur und das chinesische Festland. All diese Erfolge können wir auch auf akademischen Wege mit der Welt teilen.

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Josef Goldberger: Können Sie vieleicht am Beispiel der NCCU die Ziele und Herausforderungen der Internationalisierung illustrieren?

Ming-Cheng Kuo: Beispielsweise durch das Programm „Internationale Sinologie-Vorlesungen“ versucht die NCCU innerhalb der nächsten zehn Jahre vier bis fünf weltbekannte Professoren zu Lehrveranstaltungen einzuladen. Zugleich sollen durch 10-15 Stipendien Master- und Doktoranden aus aller Welt für einen Zeitraum von drei bis sechs Monaten Forschungsaufenthalt gefördert werden. Für Doktoranden stehen monatliche Lebenshaltungskosten von 1.500 Euro zur Verfügung, für Masterstudenten rund 900 Euro. Der frühere Direktor des American Institute in Taiwan Bill Stanton meinte: „Gegenwärtig ist Taiwan für Amerikaner der einzige geeignete Ort für chinesischen Sprachunterricht.“ Aus diesem Grund wurden an der NCCU große Investitionen in den Aufbau von Unterrichtsprogrammen für Mandarinchinesisch getätigt. Derzeit entwickelt die NCCU die vier Bereiche Sinologie, Chinesischunterricht, Asienkunde sowie Kulturstudien der Aborigines, insbesondere nachhaltige Vermittlung von Kultur und Umwelt.

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Josef Goldberger: Viele Hochschulen versuchen ihren Internationalisierungsgrad vor allem durch die Einrichtung von englischsprachigem Lehrangebot zu steigern. Wie sehen Sie das?

Ming-Cheng Kuo: Internationalisierung beschränkt sich nicht nur auf Englisch sondern umfasst viele Sprachen wie auch Thai oder Deutsch etc. Chinesisch-Englisch-Zweisprachigkeit ist eine Grundvoraussetzung. In Zukunft müssen ausländische Studierende, die nach Taiwan kommen, sowohl Chinesisch als auch Englisch beherrschen. Da sie in Taiwan leben, ist auch ihr Lebensalltag eine Lernquelle. Wir bieten für internationale Studierende gratis Chinesischkurse an, um Ihre Chinesischkenntnisse zu fördern. Da bin ich auch durch meine Studienzeit in Deutschland beeinflusst. Die deutsche Regierung ermutigt die internationalen Studierenden in Deutschland ein bestimmtes Deutschsprachniveau zu erreichen.

Ich möchte nicht nur asiatische Jugendliche ausbilden, sondern Weltbürger. Im neu gegründeten International College of Innovation kommt die Hälfte der Studierenden und Professoren aus dem Ausland. Ziel ist es, Talente mit internationaler Perspektive auszubilden und die internationale Mobilität zu fördern. Dieses College rekrutiert nicht nur Lehrkräfte aus dem Ausland, sondern stellt auch angemessene Stipendien für ausländische Studierende bereit und unterstützt den Austausch oder die Suche nach Praktika im Ausland.