In einem Gespräch mit Herrn Dr. Josef Goldberger schildert die Vizepräsidentin der National Taiwan University (NTU) Dr. Chiapei Chou Verhältnisse und Strategien der NTU in Bezug auf Internationalisierung.

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Josef Goldberger: Frau Vizepräsidentin Chou ich möchte mich herzlich für die Gelegenheit, dieses Gespräch mit Ihnen zu führen, bedanken. Können Sie vielleicht kurz Ihren beruflichen Karriereweg schildern?

Chiapei Chou: Nach meiner Promotion an der University of Texas, Austin kehrte ich nach Taiwan zurück und erhielt einen Lehrauftrag an der Fakultät für Hoch- und Tiefbau an der National Taiwan University (NTU). Später wurde ich zur Vizepräsidentin der NTU ernannt und leitete das Zentrum für internationalen akademischen Austausch. Auch als Geschäftsführer der „Foundation for International Cooperation In Higher Education of Taiwan“ (FICHET) war ich tätig, bevor ich vom taiwanischen Wissenschaftsministerium als Direktor der Abteilung Wissenschaft und Technologie des Wirtschafts- und Kulturbüros von Taipeh in die USA nach Houston und Los Angeles sowie später nach Washington DC entsandt wurde. Nach viereinhalb Jahren im Ausland kehrte ich wieder an die NTU zurück, wo ich nunmehr Vizepräsident für Internationales und Leiterin des International Offices bin.

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Josef Goldberger: Einen Großteil Ihrer internationalen Erfahrungen haben Sie ja in den USA erworben; wie beurteilen Sie denn die europäische Hochschullandschaft?

Chiapei Chou: Seit über mehr als einer Dekade lässt sich feststellen, dass die Europäische Union die europäischen Länder anspornt, ihre Hochschulen zu internationalisieren und eine Vielzahl an Programmen zu diesem Zweck entwickelt hat, von denen auch Taiwan und die NTU profitieren kann. Wir merken auch, dass Länder wie Frankreich oder Deutschland nicht mehr ihre Nationalsprachen so sehr in den Vordergrund stellen und zunehmend englischsprachiges Lehrangebot anbieten. Daraus schöpfen Studierende aus Ländern, in denen wie bei uns Englisch als erste Fremdsprache gelernt wird, mehr Zuversicht, um an Austauschprogrammen und gemeinsamen Studienprogrammen mit französischen oder deutschen Hochschulen teilzunehmen. Mithilfe von Stipendienprogrammen gelingt es uns außerdem, immer mehr Studierende aus Frankreich und Deutschland an die NTU zu ziehen, das gab es früher in diesem Ausmaß nicht. Unsere Studierenden haben ebenfalls großes Interesse an einem Studium in Europa, weswegen wir sehr gerne bereit sind, Kooperationsverträge mit europäischen Hochschulen zu unterzeichnen. Meine eigenen Lehrveranstaltungen werden beispielsweise neuerdings sehr häufig von französischen oder deutschen Studierenden besucht. Die Kooperation mit britischen Hochschulen war in der Vergangenheit etwas schwieriger; obwohl wir viele Partnerhochschulverträge unterschrieben haben, entstanden nur selten engere Kooperationen. Obwohl für unsere Studierende aufgrund der Landessprache Englisch ein Studium sehr einfach umsetzbar wäre, machen es die hohen Studiengebühren für uns unmöglich, Studierende auszutauschen. Wir sind jedoch bemüht Lösungen zu erarbeiten und hatten zuletzt einige Erfolge: so ist England zum Beispiel bereit in Kooperationen mit uns auf Studiengebühren zu verzichten. Damit können unsere Studierenden nunmehr in einem weiteren europäischen Land studieren.

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Josef Goldberger: Internationalisierung ist ein wichtiges Thema für alle Hochschulsysteme dieser Welt. Dennoch scheinen viele Hochschulen ihre Internationalisierungsziele und –absichten noch immer nicht genau definiert zu haben. Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Internationalisierungsziele für das taiwanische Hochschulwesen?

Chiapei Chou: Es ist nicht möglich Internationalisierung auf eine einzige Zielsetzung zu reduzieren. Ich möchte deshalb etwas vereinfacht zwei oder drei Ziele vorstellen. Als Bildungseinrichtung hoffen wir erstens, dass unsere Studierenden durch die „Internationalisierung“ bis zum Studienabschluss ein grundlegendes Interesse und Verständnis für Globalisierungsfragen entwickeln. Ihr Interesse für globale Trends soll geweckt und der Blick über den Tellerrand Taiwans hinweg geschärft werden. Wie kann man das erreichen? Abgesehen von international vernetzten Kursangeboten, beispielsweise auch Fernunterrichtseinheiten, in denen die Studierenden ausländische Curricula am Heimatcampus kennenlernen können, ist die direkteste Methode, Studierende mit ausländischem Lehrangebot zu konfrontieren, ihre Entsendung ins Ausland für ein Semester oder ein ganzes Studienjahr oder gar die Teilnahme an einem Joint oder Double Degree Program, über das ein ausländischer Studienabschluss erworben werden kann.

Ein zweites Ziel involviert die Akademia. Neben ihrer Unterrichtstätigkeit forschen unsere Lehrenden. Viele der taiwanischen Professoren pubizieren in internationalen Zeitschriften, halten Vorträge im Ausland und beteiligen sich an internationalen Konferenzen. Ich hoffe, dass ihre Beteiligung bei derartigen Veranstaltungen noch größeren Erfolg hat. Was ich damit meine, ist, dass ich mir wünsche, dass nicht nur Aufsätze publiziert und Vorträge gehalten werden, sondern, dass die taiwanischen Wissenschaftler in ihren hochspezialisierten Forschungsgebieten in den Expertenrunden und Arbeitsgruppen eine wichtige, aktive Rolle übernehmen. Wir statten unsere Professoren [an der NTU] deshalb finanziell gut aus, damit sie am internationalen Diskurs teilnehmen und auch eine einflussreiche Rolle übernehmen können. Wir hoffen auch, dass unsere Professoren ihre Partner im Ausland an die NTU bringen können, wo sie sich an Workshops und Gruppendiskussionen beteiligen. Derart können ausländische Experten und Professoren die NTU kennen lernen. Wenn wir Professoren ins Ausland gehen, vertreten wir in erster Linie uns selbst und unser Forschungsthema, aber wenn ausländische Experten kommen, können sie die gesamte Forschungsgruppe ihres Partners und weitere Teams in verwandten Forschungsbereichen kennen lernen. Ich hoffe auf diese Weise die Wahrnehmung der Forschung der NTU zu steigern. Zusammengefasst für den Bereich Forschung bedeutet das einerseits, dass wir unsere Professoren ermutigen in internationalen Forschungshubs aktiv zu werden und andererseits, dass Sie ihre Forschungspartner auffordern, die NTU und ihre Workshops und Forschungseinrichtungen zu besuchen und dass sie auch internationale Master- und PhD-Studierende ausbilden.

Als dritte Zielsetzung hoffe ich unser englischsprachiges Lehrangebot noch zu erweitern. Einerseits können NTU Studierende in englischsprachigen Lehrveranstaltungen ihre Englisch-Sprachkenntnisse und Ausdrucksfähigkeit verbessern, andererseits erleichtern diese Kurse ausländischen Studierenden den Eintritt in unser Studiensystem. Aus diesem Grund beabsichtigen wir die Einrichtung eines internationalen Colleges, in dem in neuartigen, fächerübergreifend organisierten Abteilungen nationale mit internationalen Studierenden gemeinsam ausgebildet werden. Ich hoffe die neuartigen, fächerübergreifenden Curricula gemeinsam mit renommierten internationalen Universiäten einrichten zu können und derart unser Lehrangebot zu verbessern und zu internationalisieren.

Wir investieren unsere Energien also sowohl in die Lehre, in den internationalen Studierendenaustausch und die Forschungsarbeit unserer Professoren. Natürlich hoffen wir, dass unsere Bemühungen auch in internationalen Rankings reflektiert werden. Das ist jedoch aufgrund der vielen Indikatoren und Beurteilungskriterien nicht einfach. Wir unterrichten bereits viele internationale Studierende und zahlreiche Ausländer haben bei uns Vollprofessuren inne. Früher waren die meisten Bewerber für Professorenpositionen im Ausland ausgebildete Taiwaner; heutzutage sind unter zehn Bewerbern zumindest zwei oder drei Ausländer. Ausländische Experten sind bei uns hochwillkommen, weswegen unsere Ausschreibungen auch in internationalen Zeitschriften und Plattformen viel beachtet werden. Wenn diese internationalen Experten kommen, muss unsere Hochschule ihnen auch entgegenkommen: Viele von ihnen sprechen kein Chinesisch, woran sich die Hochschulbürokratie anpassen muss, indem etwa Formulare, Informationen, Verwaltungsvorschriften und Abteilungsvorschriften in Englisch bereitgestellt werden.

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Josef Goldberger: Sie erwähnten soeben Hochschulrankings. Die Bedeutung von Rankings ist heutzutage nicht mehr wegzuleugnen und spielt insbesondere auch in Asien eine große Rolle. Aber Internationalisierung um Rankingindikatoren zu entsprechen ist wohl eine etwas oberflächliche Internationalisierungsmotivation?

Chiapei Chou: Das ist richtig! Im Kern unserer Bemühungen steht nicht die Verbesserung von Rankingpositionen. Wir hoffen aber durchaus, dass unsere Bemühungen auch allgemeine Anerkennung finden: Wie wir unsere Studierenden veranlassen, einen globalen Weitblick zu entwickeln, wie die Forschung unserer Professoren in noch größere internationale Interaktion tritt, wie wir das englischsprachige Lehrangebot systematisieren, das alles nützt in erster Linie unseren Studierenden und Lehrenden. Aber wir hoffen auch, dass internationale Rankings diese Erfolge reflektieren. Es gibt kleine Tricks, die helfen, eine gute Rankingposition zu erreichen: Es gibt sogar einige Hochschulen, die Rankingexperten einladen, ihre Indikatoren zu erläutern, die aktuelle Situation der Hochschule zu analysieren und helfen, die Rankingposition zu verbessern. Wir sind hierzu nicht bereit, da Rankings fair sein sollen und Tatsachen widerspiegeln sollen. Wir tun deshalb was ohnehin notwendig ist, unabhängig von Rankings. Aufgrund unserer Bemühungen sind wir aber auch in der Lage, die von den Rankingorganisatoren abgefragten Daten noch korrekter bereitzustellen.

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Josef Goldberger: Die NTU gilt als die beste Hochschule Taiwans mit den meisten internationalen Studierenden, internationalen Veranstaltungen, Forschungskooperationen und wohl auch einem reichhaltigem englischsprachigen Kursangebot?

Chiapei Chou: Im Jahr (zwei Semester) bieten wir über eintausend englischsprachige Kurse an. Meiner Meinung nach ist das noch viel zu wenig, da diese englischsprachigen Lehrveranstaltungen gebündelt werden sollten, in englischsprachigen Studiengängen zum Beispiel, in denen die Studierenden ein zusammenhängendes Studium absolvieren können . Andernfalls müssten die Studierenden eine Lehrveranstaltung zu Tiefbau und eine zweite Veranstaltung im Bereich Mechanik besuchen, also inhaltlich völlig zusammenhangslos. Wir bieten zwar eintausend Lehrveranstaltungen an, aber zu unsystematisch. Hieran arbeiten wir gerade. Seit meinem Amtsantritt diskutiere ich mit dem akademischen Büro wie man das englischsprachige Kursangebot mit besser qualifizierten Lehrkräften besser strukturieren könnte. Englischsprachiges Kursangebot bedeutet nicht lediglich Unterricht in Englisch. Jeder kann Englisch sprechen, aber die Kursinhalte und Unterrichtsformen müssen einem Kurs in chinesischer Sprache entsprechen, erst das ergibt eine vollwertige englischsprachige Lehrveranstaltung. Es reicht nicht, den Lehrstoff in Englisch vorzulesen – das würden wir in einer Lehrveranstaltung mit Chinesisch als Unterrichtssprache ja auch nicht machen – sondern alle Erläuterungen, Beispiele und Diskussionen müssen in englischer Sprache stattfinden; erst das ist eine vollwertige englischsprachige Lehrveranstaltung. Ich bin mir sicher, dass die Professoren der NTU, die englischsprachige Kurse abhalten, mit mir einer Meinung sind.

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Josef Goldberger: In Bezug auf Internationalisierung wie auch in anderen Bereichen ist die NTU in Taiwan ohnehin bereits führend. Wie kann man in einer Führungsposition Ihrer Meinung nach Internationaliserung noch weiter verbessern?

Chiapei Chou: Herzlichen Dank für Ihre Beurteilung. Tatsächlich nimmt die NTU in manchen Bereichen wahrscheinlich in Taiwan eine führende Rolle ein. Aber unsere Professoren, die zum Großteil selbst im Ausland studiert haben, wissen genau, dass die Ausbildung im Ausland sowohl in der Budgetierung als auch in der Qualität ihrer Studierenden in nichts hinter uns zurücksteht. Die renommierten internationalen Hochschulen sind zu Recht so berühmt und die internationalen Austauschstudierenden dieser Institutionen, die zu uns kommen, haben großes Potential. Die NTU ist sicherlich auch deshalb so erfolgreich, weil wir die bestqualifizierten Studierenden Taiwans ausbilden dürfen. Viele unserer Professoren sind da einer Meinung: Hervorragende, talentierte, leistungsfähige Studierende in Kombination mit guten Betreuungslehrern sind unser Erfolgsgeheimnis. Deshalb wünsche ich mir erstens, dass die Budgets für Hochschuleinrichtungen erhöht werden können, hier ist Taiwan im internationalen Vergleich weit abgeschlagen. 2019 nimmt die NTU im QS-Ranking weltweit die Position 69 ein. Alle Hochschulen, die im Ranking vor uns liegen, verfügen auch über höhere Budgets pro Studierenden als die NTU. Wir sind natürlich stolz auf die Leistungen unserer Professsoren, aber es ist auch betrüblich, da wir noch viel größeres Potenzial haben, das wir aber aufgrund beschränkter Ressourcen nicht verwirklichen können. Zweitens sind Beziehungen zur taiwanischen Industrie von großer Bedeutung. Unser Vorteil in dieser Hinsicht ist einerseit, dass Taiwan klein und überschaubar ist und die NTU einflussreich. Aus diesem Grund fällt es uns einfach Kontakte zur Industrie aufzubauen und auch Fördermittel und Forschungsthemen aus diesem Bereich zu erhalten. Die NTU hat mit Mitteln des MoST ein Industry Liaison Office (ILO), mit 70 Mitgliedern aus der Industrie, wie zum Beispiel Taiwan Semiconductor Manufacturing Company, Limited (TSMC), MediaTek Inc. (MTK) und anderen bekannten Unternehmen eingerichtet, die für unsere Studierenden und Professoren Forschungsmittel bereitstellen. Erst in Zusammenarbeit mit derartig bedeutenden Unternehmen Taiwans kann es gelingen hochwertige Forschung an den Universitäten umzusetzen.

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Josef Goldberger: Die NTU kooperiert also bereits sehr erfolgreich mit Unternehmen. Was sind weitere Stärken und Vorzüge der NTU, die auch für die europäischen Universitäten von Interesse sein können?

Chiapei Chou: An der NTU gibt es elf Fakultäten, die alle in ihren Fachgebieten große Erfolge haben. International am Bedeutendsten sind aber vor allem zwei Fakultäten: die medizinische Fakultät und die Fakultät für Elektrotechnik. Die Bedeutung der Fakultät für Elektrotechnik ergibt sich mit der hervorgehobenen Bedeutung die die Elektronik innerhalb der taiwanischen Wirtschaftslandschaft einnimmt. Ein großer Teil der taiwanischen Wirtschaftsleistung wird von Elektronik, Informationsindustrie und Medizintechnik getragen. Daher ist das Investment in Forschung und Entwicklung in diesem Bereich sehr gut für die NTU. Die medizinische Fakultät zieht traditionell die begabtesten Studierenden an. Sowohl in Ausbildung wie in Forschung hat diese Fakultät einen hervorragenden Ruf. Regionalspezifische Erkrankungen, wie vor einigen Jahren SARS oder die Atemwegserkrankung MERS in Korea, die es in Europa nicht gibt, werden hier erforscht. Die medizinische Fakultät verfügt über beste wissenschaftliche Grundlagen und kann bei dem Auftreten neuer Erkrankungen sehr rasch Anwendungen entwickeln. Die medizinische Fakultät der NTU arbeitet seit langer Zeit auch sehr eng mit afrikanischen Entwicklungsländern zusammen, was die internationale Wahrnehmung dieser Fakultät fördert. In den letzten Jahren war auch die kleine aber sehr leistungsstarke Fakultät für öffentliche Hygiene sehr erfolgreich. Mit den bedeutendsten amerikanischen Hochschulen, wie unter anderen Johns Hopkins oder Harvard, wirbt die NTU als Partner auf Augenhöhe in diesem Fachbereich auf einer gemeinsamen Plattform um Studierende für Graduiertenausbildung. Aufgrund unseres Bildungssystem müssen die Studierenden neben Ihren Hauptfächern auch Kurse aus einem „Studium Generale“ wählen. Ich denke das gibt es auch an manchen europäischen Hochschulen, aber vielleicht weniger an spezialisierten technischen Hochschulen. Das schätze ich sehr an der NTU, dass ein Student beispielsweise der Elektrotechnik auch Lehrveranstaltungen zu Psychologie oder aus den Geistes- und Sozialwissenschaften besuchen kann. Unsere Graduierten haben im Verlauf ihres Studiums auch eine Allgemeinbildung erworben.

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Josef Goldberger: In welchen Bereichen muss sich das taiwanische Hochschulsystem beziehungsweise die NTU noch verbessern um mit den modernsten internationalen Forschungstrends Schritt halten zu können?

Chiapei Chou: Zuvor habe ich schon erwähnt, dass das Englischlehrangebot der NTU mangelhaft ist; der Internationalisierungsgrad hier ist noch nicht ausreichend. Ein weiterer Mangel des taiwanischen Hochschulsystems ist meiner Meinung nach, dass die Regierung völlige Kontrolle über die Einhebung von Studiengebühren hat. Es ist nicht möglich für hervorragendes Lehrangebot auch entsprechend angepasste Studiengebühren einzutreiben. Eine weitere Schwäche des Hochschulsystems in Taiwan ist, dass es uns nicht gelingt, viele ausländische Studierende, beispielsweise aus den USA zu gewinnen. Hier müssen wir unsere Bemühungen verstärken. Wenn amerikanische Studierende einen Auslandsaufenthalt überlegen, entscheiden sie sich üblicherweise für Studienstandorte in Europa, Neuseeland oder Australien aber sehr selten in Asien. Und wir sollten uns auch auf die Rekrutierung von Studierenden aus der VR China bemühen, denn diese sprechen dieselbe Sprache, haben einen ähnlichen, wenn auch nicht völlig gleichen (unsere Lebensbedingungen unterscheiden sich), kulturellen Hintergrund. Wir begrüßen es, wenn Studierende aus der VR nach Taiwan kommen, um an der NTU zu studieren. In unserem Graduiertenkollege studieren jedes Jahr mehr als 200 Studierende aus der VR, in den grundständigen Studiengängen jedoch lediglich fünf Studierende. Hier bedarf es einer Veränderung in der Gesetzgebung. Die Geburtenrate in Taiwan ist sehr niedrig, weswegen die Zahl der nationalen Studierenden abnimmt. Ich denke wenn sich die gesetzlichen Bestimmungen eines Tages lockern und wir unter den ausländischen Studierenden auch Studierende aus der VR China direkt nach Mittelschulabschluss für ein Studium in Taiwan anwerben können, wäre das eine Entwicklung in die richtige Richtung. Die taiwanischen Studierenden sind gut für ein Studium an der NTU qualifiziert, aber wir wünschen uns eine größere Vielfalt in der Studierendenpopulation. Wir bilden auch viele internationale Studierende aus südostasiatischen Ländern aus. Jedoch verfügen diese Studierenden häufig weder über ausreichende Englischkenntnisse noch sprechen sie Chinesisch. Für diese Studierenden ist es sowohl in Chinesisch als auch in Englisch schwierig einer Lehrveranstaltung zu folgen. Bei Studierenden aus Europa, den USA, Neuseeland oder Australien hingegen kann man gute Englischkenntnisse voraussetzen. Studierende aus der Volksrepublik wiederum sprechen Chinesisch, weswegen eine grundlegende Qualifikation, um dem Unterricht zu folgen, gewährleistet werden kann.

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Josef Goldberger: Ein Problembereich sind die Sprachkenntnisse. Wie aber sieht es mit der grundlegenden Studienqualifikation aus? Bei den taiwanischen Studierenden handelt es sich ja um die erfolgreichsten Teilnehmer der nationalen Universitätsaufnahmeprüfung, viele der internationalen Studieren bringen aber möglicherweise keine ähnlichen Qualifikationen mit?

Chiapei Chou: Das ist korrekt. Insbesondere wenn die besonders talentierten Studierenden Stipendien erhalten können, um in Europa oder den USA zu studieren, dann werden sie sich kaum für Taiwan entscheiden. Deshalb ist unsere aktuelle Strategie, schon in den Mittelschulen in den südostasiatischen Ländern über die Existenz der NTU zu informieren; darauf hat man früher gar nicht geachtet. Wenn wir jetzt nach Südostasien zur Studierendenrekrutierung reisen, kontaktieren wir spezifische Mittelschulen und stellen den Mittelschülern die NTU, ihren Campus, ihre Fakultäten und Institute sowie ihre Austauschprogramme vor. Jedes Jahr bekommen 1.400 bis 1.500 unserer Studierenden die Möglichkeit in einem Austauschprogramm im Ausland zu studieren. Außerdem sind unsere Studiengebühren auch niedrig und Taiwan ist ein sicheres Land. Wie Sie schon sagten, die Zahl unserer internationalen Studierenden hat zugenommen, aber wichtiger ist es, besonders talentierte Studierende zu rekrutieren, hier muss die NTU sich noch verbessern, weswegen die NTU an den besten Mittelschulen dieser Länder Werbung macht und Stipendien für besonders gute Bewerber bereitstellt. Diese Stipendien entsprechen in ihrer Höhe nicht amerikanischen oder europäischen Stipendien, reichen aber aus, um ein Studium in Taiwan zu finanzieren. Häufig gewinnen wir so auch sehr gute Studierende, da Taiwan näher zu ihrer Heimat ist als die USA oder Europa. Unsere internationalen Studierenden sollten idealiter die Möglichkeit bekommen, in der Zukunft auch hier zu arbeiten. Schon jetzt bieten wir diesen Studierenden relativ viele Praktikumsmöglichkeiten zum Beispiel in den Sommerferien an. Wir bemühen uns, den Studierenden noch mehr Praktikas anzubieten.

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Josef Goldberger: Vielen Dank; meine letzte Frage lautet: In welche Richtung wird sich die NTU in den nächsten fünf bis zehn Jahren Ihrer Meinung nach entwickeln? Zu welcher Art von Universität soll die NTU nach Ihren Wünschen werden?

Chiapei Chou: Meine Schwerpunkte liegen natürlich im Bereich der Internationalisierung. Ich hoffe, dass die NTU zu einem attraktiven Studienstandort nicht nur für die Studierenden in Taiwan sondern auch für die der Nachbarländer wird. Derart werden die Studierenden, wenn sie an der NTU studieren automatisch mit den anderen internationalen Elitehochschulen vernetzt. Die NTU bereitet motivierten jungen Menschen neue Wege und eröffnet Türen in die ganze Welt. Wir bieten unseren Studierenden nicht nur hervorragende internationale Kontakte sondern auch erstklassige Ausbildung und Forschungsumgebung. Zum anderen hoffe ich auch, dass unsere Professoren nicht auf den Gedanken kommen, alles sei im Ausland besser als an der NTU und entsprechende Maßnahmen treffen und die NTU verlassen. Gleichzeitig hoffe ich, dass sich mehr junge begabte Leute, wenn Sie nach ihrem Studienabschluss in Erfahrung bringen, dass es eine freie Stelle an der NTU gibt, sich auch dafür bewerben. Das sind meine Idealvorstellungen für die NTU. Noch eines: An der NTU ausgebildete Personen sollten in Taiwan in allen Berufs- und Aufgabenfeldern in Führungspositionen gelangen und so der taiwanischen Gesellschaft nützen.

Josef Goldberger: Vielen herzlichen Dank für dieses Interview.