In einem Interview erläutert der Generaldirektor der Abteilung für Internationale Beziehungen des taiwanischen Bildungsministeriums Andy Cheu-An Bi Herrn Dr. Josef Goldberger die Schwerpunkte taiwanischer Hochschulpolitik und ihre Internationalisierungsstrategien.

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Josef Goldberger: Generaldirektor Bi ich möchte mich herzlich bedanken, dass Sie sich heute für dieses Interview Zeit genommen haben. Ich möchte Sie bitten sich kurz vorzustellen und Ihren beruflichen wie akademischen Werdegang zu schildern.

Andy Bi: Seit Juli 2017 leite ich das „Department of International and Cross-strait Education“ des taiwanischen Bildungsministeriums (MoE). Nach meinem Grundstudium der Politikwissenschaften an der Chinese Culture University absolvierte ich ein Masterstudium an der National Cheng Chi University. Nach meinem Studienabschluss begann ich für das „Bureau of International Cultural and Educational Relations“ zu arbeiten. Im Rahmen dieser Tätigkeit wurde ich in verschiedenen Positionen ins Ausland entsandt. In den USA war ich in San Francisco und Los Angeles sowie später drei Jahre in Washington tätig. Als 2005 das „Taiwanese-German Academic Links Agreement“, der wohl wichtigste Meilenstein in der Entwicklung der taiwanisch-deutschen Hochschulkooperationen, unterzeichnet wurde, leitete ich das „Bureau of International Cultural and Educational Relations” des Bildungsministeriums. In Belgien habe ich drei Jahre lang die Kulturabteilung der Taipeh Vertretung der EU und Belgiens geleitet und in einer ähnlichen Position war ich später auch in Australien. Meine Arbeitserfahrung im Ausland umfasst also Tätigkeiten in Nordamerika, Europa und Australien.

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Josef Goldberger: Sie haben offensichtlich im Bereich der Internationalisierung von Bildung bereits sehr viel Erfahrung gesammelt. Können Sie vielleicht kurz Ihr gegenwärtiges Aufgabenfeld im MoE erklären?

Andy Bi: Die Bezeichnung des „Department of International and Cross-strait Education“ des taiwanischen Bildungsministeriums (MoE) beschreibt eigentlich schon die beiden Hauptaufgabenfelder meiner Abteilung. Wir sind für Bildungskooperationen und Internationalisierung weltweit und mit der VR China zuständig. Die Abteilung ist in sechs Sektionen unterteilt: die Sektion für internationale Kooperationen, die Sektion für Auslandsstudium, die Sektion für Empfänge, die Sektion für Angelegenheiten Studierender aus dem Ausland und Überseechinesen, die Sektion für VR-China-Angelegenheiten sowie die Sektion für taiwanische Studierende im Ausland und Chinesisch-Sprachunterricht. Zudem betreuen wir dreißig Vertretungsbüros in zwanzig Ländern. Die Arbeit im In- und Ausland umfasst unter anderem Schüler- und Studierendenaustausch, Auslandsstudien und Auslandspraktika für jugendliche Taiwaner sowie die Rekrutierung ausländischer Studierender. Beispielsweise sind wir Ansprechpartner in Bildungsfragen für die APEC (Asia-Pacific Economic Cooperation) und die UMAP (University Mobility in Asia and the Pacific) sowie bei internationalen Forschungskooperationen. Allein Deutschland hat 2017 fünf neue Forschungskooperationsprogramme mit Taiwan eingerichtet. Die Arbeit der Sektion für VR-China-Angelegenheiten ist etwas komplizierter und beinhaltet alle Aspekte akademischer Kooperation mit der VR China, Hongkong und Macau. Die Sektion für Empfänge kümmert sich um Aspekte der Betreuung ausländischer Gäste, beispielsweise die Organisation Ihres heutigen Interviewtermins oder auch die Einladung bedeutender internationaler Akademiker zu Besuchsreisen nach Taiwan. Zusammenfassend ist es unser Ziel, alle nationalen Institutionen bei der Einrichtung von internationalen Kooperationen zu unterstützen, ausländische Studierende zu rekrutieren und unsere junge Generation bei ihrer Studienwahl oder Praktikumssuche im Ausland zu helfen, um derart Fachkräfte mit einem internationalen Erfahrungshorizont auszubilden.

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Josef Goldberger: Selbstverständlich gab es natürlich auch früher schon Internationalisierungsmaßnahmen, aber wann hat Taiwan begonnen die Internationalisierung seiner Hochschulen zu einer Kernaufgabe zu machen?

Hern-Gyu Lin: Hier möchte ich kurz ergänzen: Ab 2006 finanzierte das MoE in zwei fünfjährigen Förderperioden mit jeweils 50 Milliarden NTD (ca. 1,4 Milliarden €) das „Aim for the Top University Program“. Mit diesen Mitteln konnten die Hochschulen Forschungsgeräte anschaffen, um ihre internationale Rankingposition zu verbessern. Über insgesamt zehn Jahre hinweg wurden über dieses Programm große Beträge zur Verfügung gestellt.

Andy Bi: De facto betreibt das MoE systematische Internationalisierung seit Einrichtung des „Bureau of International Cultural and Educational Relations“ im Jahr 1948. Es besteht also bereits seit siebzig Jahren. Da es damals noch kein Ministerium für Kultur gab, hatte das Büro neben der Bewerbung internationaler Bildung auch Kulturaufgaben zu übernehmen. Zu Anfang wurden über Stipendienvergabesysteme Studierende nach Europa und in die USA geschickt und auch für ausländische Studierende wurden Studienprogramme bereitgestellt. Wegen der Globalisierung betreiben wir in der Gegenwart, wie die Kollegin aus dem Hochschulbüro bereits erklärt hat, die sogenannte Internationalisierung der Hochschulen. In den letzten zehn Jahren planen und unterstützen wir in großem Ausmaß die Internationalisierung unserer Hochschulen.

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Josef Goldberger: Können Sie Taiwans wichtigsten Ziele in der Internationalisierung im Hochschulbereich und in der Forschung vorstellen?

Andy Bi: Unsere Hochschulen bilden Fachkräfte mit einem internationalen Erfahrungshorizont aus, die junge Generation muss sowohl mit Fachkenntnissen als auch mit einem internationalen Blickfeld ausgestattet werden. Das letztendliche Ziel ist es, die internationale Wettbewerbsfähigkeit des Landes zu erhöhen. In diesem Ziel sind sich alle Länder der Welt ähnlich. In der Politik lassen sich vier Zielsetzungen feststellen: Zuerst sollte eine vielfältige und innovative Hochschullandschaft auf hohem Niveau errichtet werden, dann besteht der Wunsch, dass sich durch gezielte Investitionen Universitäten von Weltrang in Taiwan entwickeln, des Weiteren soll die Unterrichtsqualität durch hochwertige Lehre verbessert werden und die Universitäten sollen die Studierenden durch lernerzentrierten Unterricht mit in der Zukunft benötigten Kenntnissen ausstatten. Unser gegenwärtiger Minister (zu Zeit des Interviews Pan Wen-chung) hat seit seinem Amtsantritt vor zwei Jahren nachdrücklich die lernerzentrierte Unterrichtsumgebung eingefordert. Als vierter Punkt soll die Beziehung zwischen Regierung und Akademia intensiviert werden; das beinhaltet auch den Bereich der Forschung, der den Wirtschaftssektor befeuern soll. Durch die Kooperation von Forschung und Wirtschaft sollen die Unternehmen transformiert und aufgewertet werden. Diese vier Zielsetzungen beschreiben unser fortdauerndes Arbeitsfeld, das entsprechend ständig bestärkt und angepasst werden muss. So gibt es seit letztem Jahr insbesondere zwei Hauptlinien: der Minister fördert gemeinsam mit der Abteilung für Hochschulbildung und der Abteilung für Technologie und Gewerbe die rechtliche Unabhängigkeit und die Autonomie der Hochschulen. Die Liberalisierung der Hochschulen beinhaltet unserer Meinung viele Aspekte: Wir hoffen, dass die Universitäten in den Freiräumen, die die zunehmende Unabhängigkeit schafft, ihre Autonomie in der Verwaltung und Planung nützen, um in einer positiven Konkurrenzsituation ein individuelles Profil mit eigenen Schwerpunktsetzungen zu entwickeln.

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Josef Goldberger: Orientiert Taiwan sich an einer spezifischen Strategie bei der Auswahl seiner Kooperationspartner weltweit, beispielsweise an der „New South Policy“?

Andy Bi: Die strategische Richtungsvorgabe für unsere Hochschulbildung ist „Internationalisierung“. Internationalisierung scheint eine globale Expansion zu bedeuten. Aber für jedes Land bestehen andere Schwerpunktinteressen. Seit langer Zeit kooperieren wir mit den USA, Europa, mit Großbritannien sehr eng und auf hohem wissenschaftlichem Niveau, hier ist auch das Wissenschaftsministerium (MoST) sehr intensiv eingebunden. Jedes Ministerium hat seine eigene Schwerpunktsetzung, bei der in den letzten beiden Jahren von der Regierung entwickelten „New South Policy“ handelt es sich vor allem um wirtschaftliche und regionale Kooperationen. Die Ursprungsidee ist darin begründet, dass bisher die wirtschaftlichen Kooperationen Vorrang hatten, jetzt aber auch die Beziehung zu den Menschen dieser Länder intensiviert werden sollen, um gegenseitiges Verständnis und Gedankenaustausch als Grundlage für eine dauerhafte [gemeinsame] Entwicklung zu fördern. Das MoE beabsichtigt im Rahmen der „New South Policy“ ein Fachkräfteförderprogramm zu implementieren. In diesem Zusammenhang arbeiten wir mit 18 Ländern, davon zehn ostasiatische und sechs südasiatische Länder inklusive Australien und Neuseeland an einem mehrdimensionalen Entwicklungsprogramm. Genauer gesagt stellen wir einen hochentwickelten Bildungssektor zur Verfügung (market), intensivieren den akademischen und den studentischen Austausch (pipeline) und erweitern die bilaterale Kooperationsbasis (platform). […] Wie eben gesagt, hoffen wir, dass die höhere Bildung sich den vierten Punkt zu Herzen nimmt, denn erst wenn die Kooperation zwischen Unternehmen und Hochschulen intensiviert wird, können auch Fachkräfte ausgebildet werden. Wenn mit diesen Ländern gute stabile Partnerschaftsbeziehungen eingerichtet sind, werden auch die wirtschaftlichen Beziehungen mit Taiwan zunehmen; das beansprucht alle Aspekte von internationaler Kooperation. Hier wird viel über die „New South Policy“ gesprochen, in der Tat gibt es aber auch mit anderen Ländern andere Strategien, so auch mit Deutschland, mit dem wir auf eine andere Art kooperieren, die Kooperationsformen unterscheiden sich.

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Josef Goldberger: Jedes Land arbeitet mit beschränkten Ressourcen. Was bedeutet das für die Zusammenarbeit mit den europäischen Ländern, mit Deutschland, wenn nun ein Schwerpunkt auf die Beziehung zu den süd- und südostasiatischen Ländern gelegt wird?

Andy Bi: Da es sich um ein sehr populäres Thema handelt, wird gegenwärtig sehr viel über die „New South Policy“ gesprochen. Im Vergleich zu anderen Programmen wird hier auch tatsächlich viel Geld und Energie investiert, aber mit Blick auf die Verteilung und Verwendung aller Gelder stellt man fest, dass die Mittel, die für die Kooperation mit der EU und anderen Länder eingesetzt werden, nicht reduziert wurden. Mit den Ländern, mit denen wir nicht im Rahmen der „New South Policy“ kooperieren, wird im Bereich der Hochschulbildung, in der nationalen Entwicklung und im Bereich der Berufsbildung weiterhin zusammengearbeitet. So auch mit Deutschland, wo wir seit langem der Meinung sind, dass das duale System der deutschen Berufsbildung für uns vorbildlich ist. Aus diesem Grund kooperieren wir weiterhin. Beispielsweise steigen die Zahlen im Studierendenaustausch beständig an. Bereits 1.168 Deutsche studieren in Taiwan. Damit zählt Deutschland zwar noch nicht zu den fünf wichtigsten Herkunftsländern internationaler Studierender in Taiwan aber nimmt doch immerhin Rang 12 oder 13 ein. In Deutschland studieren 2.013 Taiwaner; somit ist Deutschland für taiwanische Studierende sogar das sechst wichtigste Zielland. Nicht nur die Stipendienangebote, sondern auch die Beziehungen zwischen den Hochschulen beider Länder nehmen zu. Gegenwärtig gibt es 469 Kooperationsvereinbarungen auf Hochschulebene. Zudem schicken wir Mandarin-Lehrer an deutsche Hochschulen und Mittelschulen. Die Nationalbibliothek Taiwans hat am Sinologieinstitut der Universität Leipzig und an der bayrischen Staatsbibliothek Informationszentren für Chinawissenschaften eingerichtet. Auch in Tübingen, Heidelberg, Hamburg und an der Freien Universität Berlin wird Taiwan-Forschung gemacht. Die Zahl der ausländischen Gäste, die nach Taiwan kommen, ist ebenfalls sehr hoch, beispielsweise haben der Sprecher der Hochschulallianz für angewandte Wissenschaften (HAWtech) sowie jeder Kultusminister eines deutschen Bundeslandes Taiwan besucht. Daran kann man die Zunahme des gegenseitigen Austausches schon ablesen. Die Schwerpunkte bei der Internationalisierung unterscheiden sich von Land zu Land. Im Rahmen der „New South Policy“ haben wir im Bereich der Lehrerausbildung nur für Länder aus Asien ein „Elite Scholarship Programm“ eingerichtet. In diesen Ländern haben viele Hochschullektoren noch keinen Ph.D.-Titel erworben. Da die taiwanische Hochschullandschaft einen relativ guten Ruf besitzt, kommt diese Zielgruppe gerne zur Weiterbildung nach Taiwan. Im Gegensatz dazu besitzt Deutschland ein sehr hochentwickeltes Hochschulsystem und unsere Studierenden gehen nach Deutschland zur Promotion oder zur Berufsausbildung. Wie Sie selbst der Zeitschrift CommonWealth gegenüber in einem Interview im November letzten Jahres bemerken, hat Deutschland ein vielfältiges englischsprachiges Lehrangebot aufgebaut, um vermehrt internationale Studierende anzuziehen, zudem können taiwanische Mittelschulabsolventen entsprechend ihres CSAT Ergebnisses direkt ein Studium in Deutschland beginnen. Deutschland und der DAAD haben hier viel geleistet. Anhand dieser Beispiele erkennt man, dass die Schwerpunkte in der Kooperation bei allen Ländern anders sind.

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Josef Goldberger: Laut Ihrer Erläuterungen ist der gegenwärtige Austausch im Hochschulsektor zwischen Taiwan und Deutschland noch immer relativ unausgewogen. Sehr viele Taiwaner gehen nach Deutschland, um sich auszubilden, während vergleichsweise weniger Deutsche, insbesondere solche mit hoher Qualifikation, nach Taiwan kommen. Gibt es hier strategische Überlegungen, um diese Verhältnisse zu verändern?

Andy Bi: Hier hoffen wir auch auf Ihre Unterstützung: Neben der Rekrutierung unser Studierender für deutsche Studiengänge, können Sie uns in einer Brückenfunktion helfen, einige Pläne und Programme voranzutreiben, um den Austausch von taiwanischen und deutschen Talenten zu verstärken. Ich hoffe gemeinsam mit der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) und unserem Hochschulverbund den Austausch von hochqualifizierten Talenten zu besprechen, möglicherweise auch zusammen mit dem MoST. Wir möchten nicht nur aus der Perspektive eines mehr oder weniger ausgewogenen Studierendenaustausches diskutieren, da ich denke, dass die Angelegenheit auf einer viel höheren Ebene verhandelt werden soll. Auch wenn die Zahl der ausgetauschten Personen nicht groß ist, kann das Austauschniveau doch sehr hoch sein. Wenn es uns gelingt, eine sehr gut Austauschplattform zu errichten, möglicherweise auch gemeinsam mit Unterstützung der EU, fallweise bilateral, fallweise multilateral, fallweise auf internationaler Ebene Wissenschaftler auf höchster Ebene auszubilden. Da in Deutschland die Entscheidungsgewalt in Bildungsfragen bei den einzelnen Bundesländern liegt und wir nicht in allen Bundesländern gleichermaßen vertreten sind, der DAAD aber insbesondere in Fragen zur internationalen Kooperationen großen Einfluss besitzt, möchten wir uns [mit Unterstützung des DAAD] mit der Bundesregierung und der Kultusministerkonferenz sowie den Universitätspräsidenten gemeinsam austauschen und entsprechende Bildungsinstitutionen beider Länder zueinander in Kontakt bringen. Außerdem ist das deutsche Berufsbildungssystem zwar weltberühmt, aber auch sehr speziell, weswegen es sich möglicherweise nicht zur Imitation eignet. Zwei Drittel der deutschen Mittelschulabsolventen entscheiden sich für eine weiterführende Berufsausbildung, während nur ein Drittel ein Hochschulstudium anstrebt. Wir haben uns soeben erst auch mit dem Schweizer Bildungsminister getroffen und erfahren, dass von sieben Mittelschulabsolventen nur einer eine Hochschulausbildung anstrebt und die verbleibenden sechs sich für eine Berufsausbildung entscheiden und Praktika machen. In Taiwan können wir das so nicht machen. Aber wir können bis zu einem gewissen Grad die spezifischen Leistungen des deutschen Systems verstehen lernen. In Deutschland geht die Karrierelaufbahn einen anderen Weg, der nicht unbedingt über die Hochschulen führen muss.

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Josef Goldberger: Wir haben darüber gesprochen, was Taiwan vom Ausland lernen kann. Gibt es etwas, was ausländische Hochschulen, insbesondere deutsche Hochschulen, vom taiwanischen Hochschulbildungssystem lernen können? Was sind die größten Leistungen des taiwanischen Hochschulsystems?

Andy Bi: Wir sollten in der Betrachtung der Entwicklung der taiwanischen Hochschulen Bescheidenheit an den Tag legen. Im asiatischen Kontext vermag das taiwanische Hochschulsystem hervorzustechen, aber wendet man den Blick auf die globalen Verhältnisse, so übernehmen Amerika, England und Australien die Führungsrolle. In der höheren Bildung haben wir vier Stärken: Erstens hat unsere Regierung hohe Beträge investiert, in der Hoffnung, dass sich in unserem Land spezifische Fachbereiche entwickeln. Zweitens ist das Ausbildungsniveau unserer Lehrkräfte sehr hoch und mehr als 80 % unserer Hochschullehrer verfügen über einen Doktortitel. Wir unterstützen die globale Mobilität unserer Studierenden und haben aus diesem Grund viele Programme entwickelt, die das Auslandsstudium, Auslandspraktika und Freiwilligentätigkeit im Ausland fördern. Auf diese Weise kann die junge Generation durch internationale Arbeitserfahrung angewandtes Wissen erwerben. Obwohl wir von den Studierenden nur niedrige Studiengebühren verlangen, können wir viertens Hochschullehre auf hohem Niveau und in einer sehr guten Lernumgebung bereitstellen. Der stärkste Fachbereich in Taiwan sind die Agrarwissenschaften – wir verfügen über spezielle Kenntnisse in der Botanik wie auch in der Tierzucht (beispielsweise in der Fischzucht). Taiwan macht auch hervorragende angewandte Forschung und stellt eine ideale Lernumgebung in der Mandarin-Ausbildung für Ausländer bereit. In der Förderung von Industrie Start-Ups, in der Betriebswirtschaft, bis hin zum Umweltschutz und der Biomedizin etc. ist Taiwan auch nicht schlecht.

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Josef Goldberger: Wovon könnte Taiwan in Hinblick auf Deutschland noch lernen?

Andy Bi: Das duale Ausbildungssystem verbindet in Deutschland optimal die Schulen und die Unternehmen und lässt die Schüler sehr früh schon die Bedeutung von Berufsbildung verstehen. Auch nach Eintritt ins Erwerbsleben besteht weiterhin die Möglichkeit, sich fortzubilden. Deutschland führt in der Elektronik, Aeronautik, Automobilindustrie oder in der Präzisionsfertigung mit Firmen wie Siemens. Deshalb meine ich, dass wir in der Berufsbildung insbesondere in diesen speziellen Branchen noch viel lernen können. Selbstverständlich unterscheiden sich die Länder voneinander: In Deutschland gibt es mehr als 300 Universitäten davon der Großteil staatlich; in Taiwan 156 Universitäten, die staatlich zu privat in einem Verhältnis 1:3 stehen. Bei dem Großteil der privaten Hochschulen handelt es sich um technische Hochschulen. In der Verteilung der Ressourcen und in der Entwicklungsstrategie gibt es daher natürlich Unterschiede. Zudem möchte ich noch auf eine wichtige Entwicklung hinweisen, die auch Deutschland und andere Länder betrifft, nämlich der Rückgang der Studierendenzahlen. In den kommenden zehn Jahren wird es vermehrt zu Hochschulzusammenschlüssen kommen, zuerst in Form von Hochschulallianzen – in Taiwan gibt es bereits sehr viele derartiger Allianzen, die gemeinsame Lehrgänge anbieten und gegenseitig Studienleistungen anerkennen und sowohl Studierende wie Lehrkräfte austauschen. Auch in der Forschung in Deutschland gibt es zunehmend mehr Kursangebot in englischer Sprache, wodurch die sprachlichen Hürden für internationale Studierende verringert werden. Auch wir haben bereits mehr als 477 englischsprachige Studienangebote (d.h. dass mehr als 90 % der Kurse in einem Studiengang in Englisch abgehalten werden). Ich denke diese Programme müssen weiter ausgebaut werden, die Lehrveranstaltungen müssen besondere Charakteristiken entwickeln, neben dem Englischen als Unterrichtssprache muss auch die Lehre und die Lernerfahrung von höchster Qualität sein, sodass die Studierenden sehr brauchbares Wissen in Verbindung mit internationaler Anerkennung erhalten. Der Hochschulabschluss soll auch die Tür zum Arbeitsmarkt öffnen.

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Josef Goldberger: Können Sie vielleicht über Ihre Idealvorstellung sprechen, wie soll sich höhere Bildung in Taiwan in der Zukunft entwickeln?

Andy Bi: In der Entwicklung internationaler Bildung besinnen wir uns auf die ursprünglichen Ziele zurück. Viele Länder haben zuvor zu großen Wert auf Rankings gelegt. Ich denke, dass sich internationale Bildung an den Hochschulen unseres Landes inzwischen ernsthaft fragt: Welche Art von Hochschulen wollen wir haben, welche Fachkräfte wollen wir ausbilden? Gegenwärtig entwickeln sich in der internationalen Hochschulbildung experimentelle Schultypen besonders schnell, etwa Hochschulen ohne Campus, wie die französische Ecole 42 oder das amerikanische Minerva-Projekt. Die Studierenden und deren Ausbildung zu internationalen Fachkräften stehen im Zentrum. Das bereits seit langem eine konstante Zielsetzung in der Ausbildung. Die Rolle der Hochschulen ist es, den Studierenden einen Weg für ihre zukünftige Entfaltung zu eröffnen. Das MoE soll die bürokratische Kontrolle der Hochschulen verringern und gleichzeitig die Hochschulen bei der Umsetzung eigener Entwicklungsstrategien unterstützen, die es den Hochschulen erlauben Fachkräfte auszubilden und noch mehr internationale Kontakte aufzubauen. Ich erwarte, dass in Zukunft alle unsere jungen Studierenden internationale Fachkräfte werden, und nicht nur spezialisierte Experten ohne globale Visionen. Um dieses Ideal zu erreichen müssen wir noch zentrale Erfolgsindikatoren (KPI) festlegen, wie zum Beispiel internationale Mobilität, die Zahl der internationalen Studierenden muss jährlich um 10 % steigen. Tatsächlich haben wir dieses Ziel schon übertroffen, derzeit studieren mehr als 63.270 internationale Studierende in Taiwan. Doch wir hoffen diese Zahlen noch vervielfachen zu können. Das letztendliche Ziel unserer Arbeit ist es, Fachkräfte mit einem internationalen Erfahrungshorizont auszubilden; durch Bildung wollen wir sie auf die Herausforderungen der Zukunft vorbereiten.